|
Was wir alles schon gemacht haben...... Was die Öffentlichkeit dazu meint.. Wenn Sie ein Lager machen möchten.... Schule auf dem Bauernhof die Seiten für pädagogischen Gartenbau
|
Kinder nutzen Erlebnis Landwirtschaft Auf einem Bauernhof im Zürcher Oberland erfahren Kinder während einer Ferienwoche Natur hautnah. Für die Betriebsleiter David und Vera Schaer-Aeppli des Hofes «Eichholz» in Kempten ZH ein Brückenschlag zur nichtbäuerlichen Bevölkerung.
KEMPTEN. Der 14jährige Silvan lehnt sich in der Kälberbox entspannt zurück. Neben ihm, den Kopf auf seinem Schoss, döst ein wenige Tage altes Kalb wohlig vor sich hin. Die beiden scheinen zufrieden mit sich und der Welt. «Hier gefällt es mir am besten», sagt der Bub noch, bevor ihm selber die Augen zufallen. Silvan ist einer von rund 20 Buben und Mädchen, die in den Herbstferien an einem Erlebniskurs auf dem Bauernhof teiInehmen. Dabei wird aber nicht nur gehätschelt und gestreichelt. Die Kinder nehmen aktiv an der anfallenden Arbeit teil. Eine Gruppe ist morgens um halb sechs im Stall anzutreffen. Sie versuchen sich im Melken, Misten und Füttern und bringen die Tiere auf die Weide. Eine andere Gruppe kümmert sich hauptsächlich um die Enten und Hühner: Eier sammeln, Futter rüsten, misten. Dann ist da noch das Schwein Sophie, das so gerne am Bauch gekrault wird, da sind noch das Maultier und das Pferd, die dauernd störende Steine in den Hufen eingeklemmt haben, da sind die Kaninchen, die leider immer noch in einem zu engen Stall hausen müssen, und da ist der Gemüsegarten, wo die Gemüse so verwirrend anders aussehen als im Laden, und, und, und. Vier Kursleiterinnen begleiten die Stadtkinder bei all den Abenteuern, die es auf dem Bauernhof zu bestehen gilt. Sie zeigen ihnen, wie man artgerecht und verantwortungsvoll mit den Tieren umgeht. Sie lassen ihnen daneben aber viel Raum, selber Erfahrungen zu machen - ganz nach dem Grundsatz, dass aus dem Tun die tieferen Einsichten kommen als aus dem blossen Anschauen.
Tiere sind zum Anfassen da: Silvan mit "seinem" Kalb, das sich bei ihm sichtlich wohl fühlt. Realistisches Bild vom Bauernleben «Die Kinder sollen die Weit des Bauernhofs mit Kopf, Herz und Hand erleben können», führt die verantwortliche Leiterin der Woche, Eleanor-Marie Merriam vom Zürcher Stadt-Land-Projekt, aus. Die Kinder, alle zwischen elf und 14 Jahren, liessen sich rasch begeistern, packten an, zeigten sich aber erstaunt darüber, wie hart das Bauernleben sei. Neben der eigentlichen Arbeit beschäftigen sich die Kinder mit ihrer weiteren Umgebung: Sie untersuchen den Boden, schauen, was es alles am Waldrand zu finden gibt, und beobachten Tiere. Zum Ausgleich gibt es aber auch Ausflüge und Spiele. Verlorene Werte neu beleben Eleanor-Marie Merriam hat vor einiger Zeit in Zürich da Stadt-Land-Projekt mit Angeboten wie beispielsweise «Bauemhof-Erlebnistage» und «Schule auf dem Bauernhof» aufgebaut. Die Erlebniswoche, die vom Schweizer Tierschutz unterstützt wird, fand nun zum zweitenmal statt. Sie versteht diese Woche weder als Ferien- noch als Arbeitslager, sondern als Gelegenheit, verlorene Werte im Erlebnis neu erfahrbar zu machen. Nach Ansicht von Eleanor-Marie Merriam haben Stadt und Land zu lange Zeit aneinander vorbeigelebt, so dass eine grosse Kluft zwischen ihnen entstanden sei. Heute spüre man, dass es an der Zeit sei, den Graben wieder zu schliessen. Dies müsse aber an der Basis - bei den Kindern beispielsweise - beginnen, wenn die Bemühungen längerfristig Wirkung haben sollten. Sie stelle immer wieder fest, wie erschreckend wenig Stadtkinder vom Land wüssten und wie die früher natürliche Beziehung zur Landwirtschaft verlorengegangen sei. Stadtkindern Erlebnisse auf dem Bauernhof zu ermöglichen bedeute daher, Verständnis für eine andere Welt und eine andere Lebensform zu schaffen. «Am Ende der Kurswoche wollen nicht plötzlich alle Kinder Bauern werden», meint die Leiterin. Dazu sei der Einblick, den sie erhalten, viel zu realistisch: Sie sehen, dass hart gearbeitet werden muss und dass es nicht nur Angenehmes gibt. «Sie sind aber auch von der Vielfalt des Bauernberufs beeindruckt.» Landwirtschaftsbetrieb will Brücken schlagen Zu Gast sind die Kinder für die Dauer des Erlebniskurses bei David und Vera SchaerAeppli. Ihr Hof «Eichholz» ist idyllisch gelegen, leicht erhöht über dem Dorf Kempten im Zürcher Oberland. Die Gäste sind gleich nebenan untergebracht, in einem grossen, schopfähnlichen Gebäude, das erst vor kurzem mit einfachen Mitteln umfunktioniert worden ist. Da gibt es Massenlagerplätze für 30 Personen, Küche und Sanitäranlagen, Aufenthaltsräume und eine Werkstatt. Hier sollen in Zukunft neben den Erlebniskurswochen auch andere Veranstaltungen für Jugendliche stattfinden, beispielsweise im künstlerischen oder im handwerklichen Bereich. Ebenso soll das bereits bestehende Angebot «Schule auf dem Bauernhof» weiter ausgebaut werden. Neben eintägigen Kurzbesuchen sollen Projektwochen und ganzjähriges Begleiten des Bauernjahres möglich sein. Wie kommen ein Bauer und eine Bäuerin dazu, sich in der Kinder- und Jugendarbeit zu engagieren? David und Vera Schaer-Aeppli bewirtschaften einen kleinen Betrieb, bloss 9 ha Weid- und Wiesland. Sie arbeiten nach biologisch-dynamischen Grundsätzen. Im Stall stehen fünf Kühe, ein Schwein, einige Schafe, Hühner, Enten und Kaninchen. Weiter werden Obst und Gemüse produziert. Um unter diesen Bedingungen zu übberleben, mussten sich die Bauersleute etwas einfallen lassen. Eine wesentliche Erwerbsquelle wurde im Direktverkauf gefunden. Milch, Joghurt, Quark und Käse werden im eigenen kleinen Laden an die Leute gebracht, ebenso Gemüse, Kräuter, Obst und Eier. «Wir schätzen den Kontakt mit den Familien, die regelmässig bei uns einkaufen», meint Vera Schaer. So kämen sie mit anderen Bevölkerungsgruppen ins Gespräch. «Die Kinder der Kunden schauen sich jeweils auf dem Hof um und lernen so ganz nebenbei, woher die Dinge zum Leben kommen.» Auch eine Möglichkeit, zwischen der bäuerlichen und der nichtbäuerlichen Bevölkerung Brücken zu schlagen. Soziales Potential der Landwirtschaft nutzen Ein weiterer Betriebszweig, der wiederum über die reine Landwirtschaft hinausreicht, ist die Betreuungsarbeit. Schaers bieten jeweils einen bis zwei Plätze an für die Betreuung von Menschen mit psychischen oder sozialen Problemen. Auf ihrem Hof fand auch schon ein offener Strafvollzug statt. Um diese Arbeit möglichst professionell machen zu können, bildet sich die Bäuerin zurzeit zur Sozialhelferin weiter. «Gerade für junge Leute, die im Leben irgendwie den Rank nicht finden, gibt die Landwirtschaft viel Boden», führt Vera Schaer aus. «Sie lässt elementare Erlebnisse zu, die in einer arbeitsteiligen Wirtschaft kaum mehr möglich sind.» Notwendigkeiten und Ziele seien in der Landwirtschaft meist rasch ersichtlich, ebenso wie die Konsequenzen einer Handlung. Dies schaffe für labile Menschen ein heilsames Umfeld, wo sie ihre Kraft und ihre Grenzen erfahren und einen Rhythmus im Leben spüren könnten. David und Vera Schaer-Aeppli haben das Ziel, in ihrem Betrieb möglichst wenig Maschinen einzusetzen, damit die Arbeitsabläufe anschaulich und ganzheitlich bleiben. Lieber wollen sie mehr Arbeitskräfte - im weitesten Sinne einsetzen. Für die geleistete Arbeit soll aber nicht hauptsächlich Lohn in Form von Geld sondern in Form von Erlebnis «bezahlt» werden. «Wir stellen uns vor, dass es beispielsweise für Kinder und Jugendliche wertvoll sein könnte, wenn wir sie an unserem Leben und Arbeiten teilhaben lassen», erklärt die Bäuerin ihr Konzept. Zusammen mit Gleichgesinnten |
|
|
haben David und Vera Schaer-Aeppli Anfang 1994 den Verein «Pflug» gegründet. Der Name des Vereins versteht sich einerseits als Abkürzung für «Projekt für Freizeit, Landwirtschaft, Unterricht und Gestaltung». Anderseits soll er auch symbolisieren, dass ein Boden vorbereitet werden soll - im landwirtschaftlichen wie im übertragenen Sinn. Angesichts der heutigen Jugendprobleme möchten die Initianten einen aktiven Beitrag zur Prävention von Sucht und Gewalt leisten. Mit verschiedensten Kursen und Projekten wollen sie das Selbstvertrauen und die Kreativität von Kindern und Jugendlichen fördern. Der Weg soll dabei über eine vertiefte Beziehung zur Natur erfolgen, weil dadurch elementare Lebensgrundlagen wieder bewusst würden. Mit dem Erlebniskurs, der diesen Herbst auf dem «Eichholz» stattfand, hat der «Pflug» eine erste Furche gezogen. Weitergehen kann es aber nur, wenn das nötige Geld aufgetrieben werden kann. Dazu werden zurzeit Sponsoren gesucht. Beatrice Marti
|
||