Judith Krischik

Ein Organismus der Nachhaltigkeit

Zu Besuch in dem Lateinamerikanischen Projekt EARTH

Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist in der Landwirtschaft nur dann vollständig, wenn auch ein Schwerpunkt auf ihre Ausbildung gelegt wird. Noch vor dem Umweltgipfel in Rio wurde vor zwölf Jahren in Costa Rica mit der finanziellen Starthilfe von USAID eine nachhaltige landwirtschaftliche Universität gegründet, an der heute im kleinen, aber eindrucksvollen Rahmen rund vierhundert junge Lateinamerikaner zu neuen Führungskräften ausgebildet werden.

Wenn ich von etwas Neuem so begeistert bin, dass ich das Gefühl nicht loswerde, nach der Schulzeit etwas verpasst zu haben, dann weiß ich, dass ich einem ganz besonderen Phänomen begegnet bin. So erging es mir kürzlich auf einer Reise nach Costa Rica in Mittelamerika. EARTH hatte uns zusammen mit einer Hand voll von Amerikanern auserkoren, drei Tage lang ihre landwirtschaftliche Universität zu besuchen. Nicht, dass ich jemals Bäuerin in den Tropen hatte werden wollen, aber nach dem Besuch von EARTH war ich mir da nicht mehr so sicher.

EARTH ist die spanische Abkürzung für Landwirtschaftliche Schule für die Region der Feuchttropen (Escuela de Agricultura de la Región Tropical Húmeda). Die 400 Studenten der kleinen, aber räumlich extrem großzügigen Universität werden in der Kunst einer ganzheitlichen Landwirtschaft ausgebildet, die ich am bestem mit »hands on« beschreiben kann. Sie kommen mit 17 oder 18 Jahren hierher nachdem sie in einem Auswahlverfahren bevorzugt aus den ärmsten ländlichen Gegenden ihres Landes ausgesucht wurden. Der Schwerpunkt liegt auf Lateinamerika, aber seid kurzem gehören auch afrikanische Länder wie etwa Uganda dazu. Nach vier Jahren gehen die Absolventen gewappnet in ihre Heimat zurück, um ihrer Gemeinschaft in Fragen der nachhaltigen Landwirtschaft, des Managements und der Vermarktung von Produkten behilflich zu sein. Auch den Tücken der Globalisierung sind sie während ihres Studiums begegnet und haben gelernt, nach Alternativen zu suchen, wenn die Preise auf dem Weltmarkt für Kaffee oder Bananen wieder einmal fallen.

Am Anfang dieser einmaligen Initiative stand die Frustration darüber, dass die Universitäten in Lateinamerika die Studenten nicht wirklich auf das spätere Arbeitsleben vorbereiten. Die Spezialisierung und das intellektuelle Anhäufen von Wissen steht im konventionellen akademischen Leben im Vordergrund. Wie aber eine Kuh gemolken wird, wie Kaffeebohnen geröstet und Bananen angebaut werden, das ist nicht wirklich Lernstoff. Ganz anders sieht es bei EARTH aus. Den Studenten stehen mehrere Farmen und Plantagen auf dem 3.500 Hektar großen Gelände zur Verfügung, wo sie praktisch den Bereich ergreifen können, der ihnen Spaß macht und der für ihre Heimat spezifisch ist. Für die einen sind das die Bananenplantagen, für andere die Shrimpszucht oder der Anbau von Ananas.

Die größte Herausforderung für diese unterentwickelten, politisch und ökonomisch unstabilen Länder, die vorwiegend von der Landwirtschaft leben, ist die Globalisierung. Die kürzliche Entscheidung der WTO, die Qualität und damit den Preis von Kaffee von neu festgelegten Anbauhöhen abhängig zu machen, trifft den kleinen Bauern am heftigsten. Die Organisatoren unserer Tour erzählen uns von einem Farmer, Lopéz Prado aus La Argentina, einem kleinen Dorf in der Nachbarschaft von EARTH, der deshalb seine Kaffeebohnen nicht mehr verkaufen konnte. Die Studenten von EARTH, die einen Tag in der Woche ihren Campus verlassen und mit den Farmern aus der Umgebung zusammenarbeiten, halfen ihm aus seinem Dilemma: Sie stellten seinen Kaffeeanbau auf Bioanbau um und bauten ihm in den Werkstätten der Uni eine kleine Röstmaschine. Auf einer Führung zeigte uns der Farmer stolz sein neues Projekt und nahm die Gelegenheit gleich wahr, uns seinen Biokaffee zu verkaufen.

Für einen Europäer sieht so eine Vorrichtung extrem primitiv aus, doch für den Farmer, der von einem Tag auf den anderen seinen Markt und seine Einkünfte verlor und dem so gut wie keine finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, ist das genau die Lösung, die ihn zunächst einmal über Wasser hält. Eines der Hauptziele von EARTH liegt darin, nicht nur bei den Studenten ein Bewusstsein dafür zu schulen, wie solchen Landwirten aus der Klemme geholfen werden kann. Dahinter steckt das nachhaltige Ziel, den Farmer bei der Entwicklung von Mut und Unternehmergeist zu unterstützen, um sich aus der Ohnmacht gegenüber dem Weltmarkt befreien zu können. Es war keine Frage, dass man uns Besuchern aus den reichen Ländern hier ein Paradebeispiel dieser Anstrengungen präsentieren wollte. Für unsere Neugier wurden wir mit frisch gepresstem Zuckerrohrsaft und an Artischocken erinnernde Palmenherzen belohnt, die der Bauer vor unseren Augen mit seinem Buschmesser aus einem Palmenzweig hieb.

Den Studenten begegneten wir dreimal am Tag in der Cafeteria, die sie gemeinsam mit den Professoren, Mitarbeitern und den Farmarbeitern von EARTH teilen. Aus eigener Erfahrung mit verschiedenen Waldorfeinrichtungen war eine meiner ersten Fragen, ob die Studenten in der Küche und beim Putzen mitarbeiten müssen, was mit einem klaren Nein beantwortet wurde. Man wolle nicht noch mehr Kräfte von ihnen abziehen. Erleichtert stimmte ich zu: Die Studenten führen ein stark strukturiertes, ja strenges Leben, wenn sie ihre vierjährige Ausbildung bei EARTH beginnen. Wofür andere Universitäten sechs oder sieben Jahre brauchen, wird hier in vier Jahren erreicht.
Das geht nur, weil anstelle von zwei Semestern pro Jahr drei Semester absolviert werden. Die Ferien dazwischen sind kurz, nur ein, zwei Wochen. Erst am Ende des Studienjahres wird jeder mit einem ganzen Monat Ferien belohnt. Das macht Sinn, da viele Studenten von weit her kommen und es sich gar nicht leisten können, mehr als einmal im Jahr nach Hause zu fliegen. - Beim Mittagessen sprach ich mit einer jungen Frau aus Equador, die recht traurig gestand, dass sie wohl in diesem - ihrem ersten Jahr - im Dezember nicht nach Hause könne. Ihre Mitbewohnerin aus Costa Rica tröstete sie und meinte, dann komme sie eben mit zu ihrer Familie.

Das erste Studienjahr schien mir besonders hart zu sein. Hinter der strengen Zeitgliederung des Studiums steht jedoch der Gedanke, die jungen Menschen nicht länger als nötig von ihrer Heimat zu trennen und möglicherweise zu entfremden. Ziel ist es, dass sie später in ihr Land zurückkehren und dort Führungskräfte werden, die ihren Landsmännern und -frauen in der praktischen Arbeit weitergeben, was sie in EARTH gelernt haben.

Was aber nun lernen sie in EARTH? Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft, was besser in dem englischen Begriff Sustainability zum Ausdruck kommt. Es ist ein loser Begriff, der alles mögliche beinhalten kann wie etwa biologischen und integrierten Landbau. Prinzipiell aber bedeutet er, dass, was auch immer von der Erde genommen wird, in anderer Form wieder zurückfließen muss, damit die Ressourcen der Erde - der Boden, die Gewässer und Wälder - nicht restlos ausgeschöpft werden und sich erneuern können. Der Begriff der Sustainability umfasst jedoch auch die menschlichen Ressourcen. Landwirtschaft oder Industrie sind nur dann nachhaltig, wenn sie ihre Arbeiter und deren Familien ernähren können, wenn sie garantieren, dass sie gesund bleiben und in ihre Schulung investieren, so dass die Idee der Nachhaltigkeit nicht nur eine Theorie der Führungsspitze bleibt. Der Markt und die Konsumenten sind ein weiteres, zentrales Gebiet, das das Prinzip der Nachhaltigkeit der Vollständigkeit halber umfassen muss.

Diese drei Aspekte der Nachhaltigkeit erproben die EARTH-Studenten an einem einmaligen Projekt. Jeder hat die Aufgabe, während der Studienzeit ein kleines Unternehmen aufzubauen, das er völlig selbständig führen muss. Die Studenten setzen sich in kleine Gruppen von vier bis sechs Leuten zusammen und müssen bis zum Ende des ersten Jahres mehrere Ideen für ein Kleinunternehmen präsentieren. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Biologischer Bananenbrei, der nach Deutschland verkauft wurde, getrocknete Ananas, Chips aus Plantains, Fische, Kokosnussmilch, Zierpflanzen und Eiscreme sind nur einige der Produkte, von denen wir in der kurzen Zeit unseres Besuchs hörten oder eine Kostprobe bekamen.
Den größten Erfolg hatte jedoch eine Gruppe von Studenten, deren Unternehmen vom Pech verfolgt war und Bankrott ging. Um ihr Projekt und ihr Ansehen zu retten, organisierten die Studenten eine Tagung zum Thema Bananenernährung und luden Experten auf diesem Gebiet nach EARTH ein. Die Tagung war ein Riesenerfolg. Die Studenten konnten aus den Einnahmen nicht nur ihr Darlehen zurückzahlen, das ihnen die Universität zum Start des Unternehmens zur Verfügung gestellt hatte, sondern auch noch den stattlichen Rest unter sich aufteilen. Einige haben den Profit sicherlich dazu benutzt, um ihre Ferien zu Hause zu verbringen.

Ein Darlehen wird nur dann vergeben, wenn die Studenten einen sinnvollen, gewinnorientierten Unternehmensplan vorlegen können. Man muss sich jedoch nichts vormachen: das Darlehen ist nicht zinslos, sondern entspricht den Landesbedingungen und das heißt zur Zeit 22 Prozent Zinsen, wovon die Hälfte der Inflation zugerechnet werden muss. Je nach Projekt werden Darlehen von dreitausend bis zehntausend US-Dollar vergeben. Die Jungunternehmer müssen genau vorrechnen, wie sie dieses Geld nach spätestens zwei Jahren wieder zurückzahlen können wobei sogar noch ein Gewinn für sie herausspringen soll. Dieser Kurs in praktischer Unternehmensführung verlangt von den Studenten eine Menge, haben sie doch sowieso schon nicht gerade wenig mit ihrem Studium, ihrer Arbeit in den Community Projects und dem Lernen der englischen Sprache zu tun.

Wie wichtig es ist, sein Projekt nicht aus den Augen zu lassen und täglich vorbeizuschauen, wurde uns deutlich, als wir an einem Vormittag eine kleine Baumschule besuchten. Zuvor hatten wir uns bereits eine von Studenten betriebene Fischzucht angeschaut. Der Student, der uns nun zu seinen kleinen Bäumen führte, ließ sich von seiner Überraschung zunächst nichts anmerken. Es war jedoch nicht zu übersehen, dass Blattschneider-Ameisen über Nacht seine Baumschule überfallen und bereits eine beträchtliche Anzahl der Blätter von seinen Baumzwergen abgetragen hatten. Die Ameisen hatten in Windeseile einen so genannten Highway zwischen ihrem Nest und den frischen Blättern der jungen Bäumchen gebaut. Einen ganzen Haufen der ersten, fast einen Quadratzentimeter großen Blattstückchen hatten sie gar geopfert, um eine kleine Pfütze zu überbrücken. Eine schnelle Lösung musste her.
Wir unterbrachen den Studenten mit guten Ratschlägen: Die einen schlugen vor, einen Wassergraben zwischen Angreifern und Pflanzen anzulegen, andere dachten eher an die Vernichtung der Ameisen, natürlich biologisch. Der Student und die Gefährdung seines Projektes ließ uns nicht mehr los. Umso mehr begeisterte uns, als wir später auf der Biomilchfarm die Lösung für sein Problem entdeckten. Der dort verantwortliche Professor zeigte uns, wie man die Pflanzen vor den Ameisen sicher auf einen Tisch in die Höhe stellt und seine runden Metallbeine mit Wagenschmiere bedeckt. Die Schmiere macht es den Ameisen unmöglich, an dem Gestell hochzukrabbeln. Der Professor versprach uns, den Studenten so schnell wie möglich davon zu unterrichten.

So könnte man stundenlang Geschichten von EARTH erzählen, etwa die, wie Gorbatschow zum zehnjährigen Bestehen der Universität eine beeindruckende Rede hielt, der nicht nur die Studenten und Professoren, sondern auch Ehrengäste wie der Präsident von Costa Rica lauschten. Oder dass man damit begonnen hat, einigen Studenten, die nach Abschluss ihres Studiums zurück in ihre Heimat gehen, ein Universitätsdarlehen bis zu 50.000 US-Dollar zur Gründung einer eigenen Firma zur Verfügung zu stellen. Oder die Tatsache, dass einer der Professoren, nämlich Pánfilo Tabora, dabei ist, eine Tagung über biologisch-dynamische Landwirtschaft zu organisieren und dafür dringend spanisch sprechende Experten sucht.

Dass EARTH ein Juwel ist, das jeder im Land kennt, erfuhren wir, als wir eine Tour zu einem der touristischen Höhepunkte des Landes buchten, nämlich dem Nistplatz der grünen Riesenschildkröten im Tortuguero Nationalpark. EARTH kenne jeder, es sei absolut kein Problem, uns dort abzuholen, hatte man uns im Hotel in der Hauptstadt zu Beginn unserer Reise gesagt. Wir sollten nur einfach an der Schnellstraße gegenüber vom Eingang von EARTH auf den Bus warten. Hört ein Europäer oder US-Bürger so etwas von einem Mittel- oder Südamerikaner, reagiert er normalerweise mit einer gewissen Skepsis. Aber gesagt, getan. Nur hatte der Bus gut eine Stunde Verspätung, als er uns, vollgeladen mit Spaniern, endlich aufsammelte.
In der Zwischenzeit sprach ich in dem Wagen, in dem wir auf den Bus warteten, mit einer jungen Schwedin, die gerade ein Praktikum in EARTH machte und dabei einen Kolumbianer aus dem vierten Jahr kennen gelernt hatte, der nun im Auto neben ihr saß. Ihr Praktikum sei nächste Woche zu Ende und dann gehe sie wieder zurück nach London, wo sie studiere. »Und dein Freund?«, fragte ich sie. Einen schnellen Seitenblick auf ihn werfend meinte sie, er gehe wohl nicht in seine Heimat zurück, sondern komme zu ihr nach London. Sie hätten nämlich im Internet eine Universität in London ausfindig gemacht, die sich auf die Feuchttropen spezialisiert hat. Der Professor, der mit uns wartend im Wagen saß, hatte das wohl nicht gehört. Aber er hätte sicherlich geschmunzelt. Die Studenten gehen eben ihre ganz eigenen, »nachhaltigen« Wege, egal was sich EARTH als Ideal vorgenommen hat.

PS: EARTH hat in Atlanta, Georgia, eine Stiftung, die jährlich bis zu 3,5 Millionen US-Dollar Spendengelder sammeln muss, um den 400 Studenten ihr Studium zu ermöglichen. Die Hälfte der Studenten wird von ihr voll finanziert, ein weiteres Viertel erhält eine teilweise Unterstützung von der Stiftung: http://www.earth-usa.org/.


© Info3-Verlag 2002