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Textarchiv Schulgarten

 

Angaben Rudolf Steiners

Rudolf Steiner hat für den Gartenbauunterricht keinen eigentlichen Lehrplan, wie er es für anderer Fächer getan hat, gegeben. Es finden sich aber einige wenige Hinweise, welche eine deutliche Richtung angeben und eine wesentliche Orientierungshilfe sein können. Zitate und besonders auch Gesprächsüberlieferungen sollten mit Zurückhaltung entgegen genommen werden und erwarten die eigene Urteilsfähigkeit.

Von Rudolf Steiner liegen einige Angaben und Überlieferungen an der Stuttgarter Waldorfschule bis 1925 vor.

Konferenzen

Vom 6.3.20:

X.: Soll der Gartenbauunterricht auch weiterhin freiwillig sein? Dr. Steiner: Die Gartenarbeit soll als obligatorisch in den Unterricht hineingenommen werden.

Dr. Steiner: Als Schulregel kann gelten: Kinder, die öfter unentschuldigt fehlen, werden aus der Schule ausgeschlossen.

Vom 14.6.20

Es wird berichtet über Gartenarbeit und Handwerk. Über Schwierigkeiten mit einzelnen Kindern; sie sind unsozial und träge und mögen einander nicht helfen.

Dr. Steiner: Sind es viele? Nicht wahr, etwas anderes kann man kaum machen, als diejenigen, die so sind, zusammenspannen, dass man ihnen ein bestimmtes Gebiet anweist, dass man sie veranlasst, sich zu schämen, wenn sie nichts fertig kriegen. Etwas, wo die Fertigstellung sichtbar wird, wo sie sich schämen, wenn nur ein Viertel gemacht ist. Nicht das Moment des Ehrgeizes! Was ich sagte, rechnet nicht mit dem Ehrgeiz, sondern mit dem Schämen. Dann könnte man noch eine Kommission ernennen, die im Beisein der Kinder das anschaut und das Missfallen ausdrückt. Ich glaube doch, wenn Frau Molt ernannt wird, die Sache anzuschauen, und Herr Hahn, dann wird sich auch M.T entschliessen zu arbeiten, um nicht das Missfallen zu erregen. Ein Ausweg wäre, dass man diese Kinder zusammenspannt und beim Unterricht in seine Nähe nimmt. Aber das ist schwer durchführbar. Sie müssen dazu getrieben werden, sich zu schämen, wenn sie es nicht fertig kriegen. Ehrgeiz würde ich nicht aufstacheln, aber das Schamgefühl.

Vom 30.7.20:

X.: Die Anstellung neuer Lehrer müsste besprochen werden.

Dr. Steiner: Es handelt sich also um die Personalfrage....Es ist ihm schwer geworden, sich in ein Gebiet, das er zu betätigen hat, hineinzufinden. Es zeigte sich mir, dass er nicht genügend praktische Begabung hat, dass die Arbeiten, die er machen lässt, nicht gut sein können, weil er selbst nicht den Blick dafür hat, was exakt ist. Manche dieser Arbeiten blieben Spielereien und wurden nicht zu dem, was sie sein sollten. Die Kinder haben kein exaktes Arbeiten bei ihm gelernt. Im Gartenbauunterricht, da blieb die Arbeit darin stecken, dass jedes Kind ein kleines Gärtchen bekam, wo die Kinder wild das draufsetzten, wozu sie Lust hatten, das mehr ein Kindergärtchen als ein Schulgarten geworden war.

Was aber das Schwerwiegendste ist, das ist, dass er kein Herz für die Dinge aufgebracht hat, die ihm oblagen; dass sein Interesse darin liegt, sich mit gutem Studium zu beschäftigen, dass aber darüber das, was eigentlich zu tun gewesen wäre - eine Durcharbeitung seines Gartenunterrichtes zu pflegen -, eben nicht geschah. So dass für mein Urteil schliesslich nichts mehr übrig bleibt, als sich nach einer besseren Kraft umzusehen...

X.: Ist es beabsichtigt, alles in einer Hand zu lassen? (Handwerk und Gartenbau)

Dr. Steiner: Das sind budgetäre Fragen. Beim Handfertigkeitsunterricht ist es so, dass man sich nach der Decke streckt. An sich wäre wünschenswert, dass der Handfertigkeitsunterricht recht stark ausgebaut wird. Wenn wir einen Handfertigkeitslehrer haben, würden wir auskommen, wenn wir von der 6. Klasse an den Unterricht geben lassen. Etwas anderes kommt dadurch hinein, dass wir Gartenbauunterricht geben. Das erfordert auch eine Sachverständige Kraft. Ich würde am liebsten sehen, wenn wir zwei hätten, dass der eine das eine Jahr den Handfertigkeitsunterricht gibt, der andere den Gartenbauunterricht gibt.

Vom 25.5.23:

Es wird gefragt nach dem Gartenbauunterricht in den obersten Klassen.

Dr. Steiner: Gartenbau machen wir bis zur 10. Klasse. Die obersten Klassen sollte man ganz aus dem Gartenbau herauslassen. Pfropfen würden die Kinder gerne machen. Wenn sie in das Mysterium des Pfropfens eingeführt würden, werden sie es ganz gerne machen.

Vom 18.9.23:

Die Gartenbaulehrerin fragt, ob man Klassengärten einrichten solle.

Dr. Steiner: Ich habe nichts dagegen. Bis jetzt haben wir die Gartenarbeit mehr extemporiert [= aus dem Stegreif]. Arbeiten Sie etwas darüber aus. Es kann in unseren Lehrplan hineinkommen.

Der Naturwissenschaftslehrer: Aus dem Botanikunterricht heraus habe ich das Bedürfnis, dass man im Garten hier die Pflanzen zieht, die in der Botanik durchzunehmen sind. Dr. Steiner: Das lässt sich machen. Es kommt dadurch etwas mehr planmässiges in den Gartenbau hinein.

Vom 5.2.24

Es werden Fragen vorgebracht, die den Schulgarten betreffen, und wie man ihn für den botanischen Unterricht nutzen kann.

Dr. Steiner: Rinderdung! Pferdedung ist nicht gut. Man muss das rationell durchführen, so gut man es finanziell kann. Zum Schluss ist es so für ein begrenzbares Gebiet, dass der ganze Zusammenklang nicht herauskommt, wenn nicht eine bestimmte Anzahl von Rindvieh da ist auf der Bodenfläche und eine bestimmte Pflanzenmenge. Dieses Rindvieh gibt dann den Dung, und wenn mehr Pflanzen da sind, als das Rindvieh Dung gibt, so sind es ungesunde Verhältnisse.

Man kann nicht ein Spätprodukt wie Torf verwenden. Das ist ungesund. Mit Torf kann man nicht vermehren. Es kommt darauf an, wozu Sie die Pflanzen verwenden. Bei Pflanzen zum Anschauen wird die Sache nicht stark in Betracht kommen. Wenn Sie mit Torf Nahrungspflanzen vermehren, so ist das nur scheinbar. Sie vermehren doch nicht den Nährwert dadurch. Versuchen Sie darauf zu kommen, wie Sie den Nährwert beeinträchtigen, wenn Sie die Stecklinge im Torf ziehen.

Man muss durch Beimischung von soviel Humuserde den Boden bearbeitbar zu machen suchen. Da ist es noch besser, wenn Sie Maierschen Dünger verwenden, von Alfred Maier, Hornabfälle. Da wird die Erde schon etwas weicher. Er verwendet die Hornabfälle. Das ist wirklich homöopathischer Dünger für den botanischen Garten, fettiger Boden. Im Schulgarten kann man die Pflanzen so nach Ordnungen und Arten pflanzen, wie man sie durchnehmen will. - Die Systematik der Pflanzen in zwölf Klassen, das kann ich einmal geben.

Gesprächsüberlieferungen

Äusserungen Dr. Steiners über den Gartenunterricht, zusammengestellt von Herrn 5. Werr, dem Notizbuch von Frl. Michels entnommen.

An Frl. Michels: Es wird sich nicht darum handeln, den Kindern eine vorberufliche Ausbildung zu vermitteln, vielmehr soll versucht werden, im Zusammenhang mit dem Gesamtunterricht die Kinder in die richtige Seelenstimmung zu versetzen, Naturzusammenhänge in unserer landwirtschaftlichen Arbeit so richtig zu beurteilen. Das wird notwendig sein, um den Katastrophen am Boden zu begegnen.

Ein andermal zu Frl. Michels: Es ist für den Menschen für seine soziale Entwicklung von besonderer Bedeutung, bis in seine Hände hinein erlebt zu haben, dass Menschen immer auf die Arbeit anderer Menschen angewiesen sind.

An Frau Kolisko: Es wird notwendig werden, zu ganz neuen Methoden in der Landwirtschaft zu kommen. Früher gab es noch Produkte, die wirklich Nahrungsmittel darstellten; sie werden immer schlechter werden, das liegt an der Methode. Es sind von der Natur her Reaktionen zu erwarten, die sich zu Katastrophen auswachsen können. So ist es sehr fraglich, ob die Kartoffel das Jahrhundert erleben wird; dasselbe kann von verschiedenen Kulturpflanzen gesagt werden. Wir werden neue Nahrungsmittel züchten müssen; auf dem bisher üblichen Wege wird das nicht möglich sein. Es gibt noch eine Reihe von Pflanzen, die sich mehr oder weniger umwandeln lassen. Das müssten verantwortliche Persönlichkeiten leisten, aber die Grundbedingung ist die Methode. Die Gesinnung, aus der solche Arbeiten geleistet werden, ist ausschlaggebend; sie könnten aus dem Forschungsinstitut oder aus der Waldorfschule kommen.

Frl. Michels hat in der Schule mit dem Unterricht der Kinder bereits begonnen. Sie wird neue Wege gehen und suchen müssen; Menschen, die in der Schule einmal diesen Unterricht durchgemacht haben, werden Entscheidungen treffen können, ob eine Methode oder irgend eine Massnahme in der Landwirtschaft richtig oder falsch ist, nicht weil sie es gelernt haben, sondern aus der Sicherheit des Gefühls heraus. Auch die moralischen Kräfte werden mit so einem Unterricht geübt. In der sozialen Haltung des Erwachsenen erst wird die Auswirkung solchen Unterrichts liegen.

An Frau Stegemann: Wenn Ihr Sohn das 12. Lebensjahr erreicht hat, nicht viel früher, dann lassen Sie ihn doch in der Woche einige Stunden im Garten und auf dem Feld helfen. So lernt er mit den Gliedmassen tätig den jahreslauf erleben, das befruchtet den Schulunterricht. Man muss ihn hinlenken auf ein Beobachten, aus dem dann die Fragen auftauchen. Bei der Beantwortung soll immer vom Menschen ausgegangen werden. Die Früchte solcher Tätigkeiten erscheinen dann im Erwachsenen, sie metamorphosieren sich im Sozialen.

Mündliche Mitteilung von Frl. Michels als Antwort Dr. Steiners auf die Frage, wann mit dem Unterricht zu beginnen sei: Wenn in der 6. Klasse die Geschichtsepoche gegeben worden ist, also nach der 5. Klasse.

Bei der Behandlung der Kulturpflanzen soll vor allem die Geschichte derselben behandelt werden als Begleiter des Menschen.

 

Vortragsstellen

Methodisch-Didaktischer Vortrag vom 2.9.1 91 9, Stuttgart

Das Kind soll nur Dinge tun, die wirklich im Leben geschehen und die nicht ausgedacht sind. Und wenn man gar könnte kleine Pflüge machen und die Kinder im Schulgarten ackern lassen, wenn man sie könnte mit kleinen Sicheln mähen lassen oder mit kleinen Sensen mähen lassen, so würde man eine gute Verbindung herstellen. Denn wichtiger als die Geschicklichkeit ist die seelische Verbindung zwischen dem Leben des Kindes und dem Leben der Welt. Denn es ist tatsächlich so: ein Kind, das mit der Sichel Gras abgeschnitten, mit der Sense das Gras abgemäht hat, das mit einem kleinen Pflug Furchen gezogen hat, wird ein anderer Mensch als das Kind, dass das nicht getan hat. Das Seelische wird dadurch einfach etwas anderes. Der abstrakte Handfertigkeitsunterricht kann das eigentlich nicht ersetzen. Und das Stäbchenlegen und Papierflechten, das sollte tunlichst vermieden werden, weil es eher abbringt davon, den Menschen ins Leben hineinzustellen, als es diese Hineinstellung in das Leben fördert. Viel besser ist es, wenn Sie das Kind dazu anhalten, Dinge zu tun, die wirklich im Leben geschehen, als wenn sie diese Dinge erfinden, die nicht im Leben geschehen.

Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik GA 293 S.203

Also nicht darauf kommt es an, dass der Mensch tätig ist, denn das ist auch der Träge, sondern darauf kommt es an, inwiefern der Mensch sinnvoll tätig ist... Wann ist der Mensch sinnvoll tätig? Sinnlos tätig ist er, wenn er nur so tätig ist, wie es sein Leib erfordert. Sinnvoll tätig ist er, wenn er so tätig ist, wie es seine Umgebung erfordert, wie es nicht bloss sein eigener Leib erfordert.

Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwicklung... GA 203 21.1.21

 Die Kinder würden, indem sie zum Handeln erzogen werden, wissen, dass das, was sie tun, eingeprägt wäre in das Weltganze. Wenn das Gefühl wäre, wie anders würden die Menschen leben als heute, wo es möglich ist, dass der Mensch sich frägt: Was bin ich eigentlich hier auf dieser Welt? - sich einsam stehend hier sieht, entsprungen aus unbestimmten Naturkräften, mit moralischen Idealen durchsetzt wie mit Seifenblasen. Anthroposophie will eine geisterfüllte Naturwissenschaft geben, eine den Menschen belebende Naturwissenschaft, und was da hineinträufelt als Erkenntnis des Geistes in der Natur, das verwandelt sich im Menschen, genauso wie sich die Nahrungsmittel in physischer Beziehung im Menschen verwandeln, in soziale Kraft. Man würde es erleben, wenn man ernsthaft auf diese Dinge eingehen wollte, dass Geist - Erkenntnis als Nahrung der Seele aufgenommen, verdaut würde, - wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf -, um als sozial wirksame Kraft aufzutreten. Wir werden auf keine andere Weise soziale Impulse gewinnen dadurch, dass wir geistige Erkenntnisse aus der uns umgebenden Natur aufnehmen. Wer heute glaubt, soziale Reformen aus irgendeinem anderen Impuls heraus nehmen zu können, denkt über die Dinge der Welt so nach, wie ungefähr der nachdenkt über den Menschen, er ihm, um ihn möglichst gut zu ernähren, das Essen verbieten.

Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen GA l92 11.5.1919

Für die Gemüts- und Gedächtnisbildung wird dann notwendig sein, eine lebendige Naturanschauung schon in dem jüngsten Menschen zu entwickeln. Diese lebendige Naturanschauung, Sie wissen, wie ich oftmals darüber gesprochen habe, und wie ich mancherlei Betrachtungen zusammengefasst habe in die Worte: Es gibt leider heute innerhalb der Stadtbevölkerung zahlreiche Menschen, die nicht unterscheiden können, wenn sie auf das Feld hinausgeführt werden, einen Weizen von einem Roggen. Es kommt nicht auf die Namen an, aber auf das lebendige Verhältnis zu den Dingen kommt es an. Es ist etwas ungeheures für den, der die menschliche Natur überblicken kann, was da dem Menschen verloren geht, wenn er nicht zur rechten Zeit - und die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten muss immer zur rechten Zeit geschehen -, wenn er nicht zur rechten Zeit solche Unterscheidungen lernt - Sie wissen, es ist nur symptomatologisch gesprochen - zu unterscheiden Weizenkorn vom Roggenkorn. Es umfasst, was hier gemeint ist, natürlich sehr, sehr vieles.

Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha GA 1 75 20.2.191 7

Eine gewisse Zeit unseres Lebens, wo wir vorbereitet werden, sollte daher die Erziehung dahin wirken - durch die mannigfaltigsten Mittel kann das geschehen -, dem Menschen recht tief möglich zu machen diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Es kann dadurch geschehen, wenn der Mensch während seiner Erziehungszeit angetrieben wird, so recht das Gefühl zu entwickeln von der Herrlichkeit der Welt, der Grösse der Welt, der Erhabenheit der Weltvorgänge. Wir entziehen dem heranwachsenden Menschen viel, wenn wir ihn zuwenig merken lassen, sodass es auf ihn übergeht, dass wir für all das, was sich offenbart an Schönheit und Grösse in der Welt, die hingebungsvollste Ehrfurcht und Ehrerbietung haben. Und indem wir so recht den Gefühlszusammenhang des menschlichen Herzens mit der Schönheit, mit der Grösser der Welt den heranwachsenden Menschen fühlen lassen, bereiten wir ihn vor für eine rechte Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Denn diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip bedeutet viel für das Leben, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft. (...)

Landwirtschaftlicher Kurs GA 327 7.6.1924

 (...) Es gibt heute zum Beispiel allerlei sogenannte nationalökonomische Bücher und Vorträge, die haben auch Kapitel über die Landwirtschaft vom sozialökonomischen Standpunkt aus. Man denkt nach, wie man die Landwirtschaft gestalten soll aus sozialökonomischen Prinzipien heraus. Es gibt Schriften heute, die handeln von den sozialökonomischen Ideen, wie man die Landwirtschaft gestalten soll. Das Ganze, sowohl das Abhalten von nationalökonomischen Vorträgen wie das Schreiben von solchen Büchern, ist ein offenbarer Unsinn. Aber offenbarer Unsinn wird heute in weitesten Kreisen geübt. Denn selbstverständlich sollte jeder erkennen, dass man über die Landwirtschaft nur sprechen kann, auch in ihrer sozialer Gestaltung, wenn man die Sache der Landwirtschaft zuerst als Unterlage hat, wenn man wirklich weiss, was Rübenbau, Kartoffelbau, Getreidebau bedeuten. Ohne das kann man auch nicht über die nationalökonomischen Prinzipien sprechen. Diese Dinge müssen aus der Sache heraus, nicht aus irgendwelchen theoretischen Erwägungen festgestellt werden. Wenn man so etwas spricht heute (1924) vor denjenigen Menschen, die an der Universität eine Anzahl von Kollegs gehört haben über Nationalökonomie in Bezug auf die Landwirtschaft, dann kommt ihnen das ganz absurd vor, weil ihnen die Sache so festzustehen scheint. Das ist aber nicht der Fall; über die Landwirtschaft kann nur derjenige urteilen, der sein Urteil vom Feld, vom Wald, von der Tierzucht hernimmt. Es sollte einfach alles Gerede aufhören über Nationalökonomie, das nicht aus der Sache selber heraus genommen ist. Solange man das nicht einsehen wird, dass es ein blosses Gerede ist, was über den Dingen schwebend in nationalökonomischer Beziehung gesagt wird, so lange wird es zu nichts Aussichtsvollem kommen, nicht auf diesem landwirtschaftlichen, nicht auf anderem Gebiete.

Weihnachtskurs GA 303 10. Vortrag 1921/22

Es mag sich grotesk ausnehmen, aber man muss immer wiederum behaupten: Ein Mensch, der nicht gelernt hat, einen Roggen von einem Weizen zu unterscheiden, ist kein ganzer Mensch. Und man kann sogar noch weiter gehen: Ein Mensch, der nur in der Stadt gelernt hat aus der Beschaffenheit der Ähre, aus den Roggen und Weizenkörnern Roggen vom Weizen zu unterscheiden, der hat noch nicht das Ideal erreicht. Erst derjenige, der auf dem Boden gestanden hat, wo Weizen und Roggen wächst, und an der Stelle den Roggen vom Weizen hat unterscheiden lernen, erst der hat wirklich das richtige erlebt. Wir sollten es vermeiden als Lehrer, botanisieren zu gehen und dann mit der Botanisiertrommel in die Klasse zu gehen und die Pflanzen auszubreiten. Wir sollten vielmehr die Kinder hinaus-führen und womöglich wirklich im realen Zusammenhang mit der Erde und mit den Sonnenstrahlen und mit dem Leben die Kinder zum Verständnis des Pflanzlichen bringen. Dadurch können wir in ganz naiver Weise den Übergang zu etwas anderem finden, was ausserordentlich wichtig ist.»

Zum Zeitpunkt des Beginns des Gartenbauunterrichtes:

 Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis GA 306 1923

Den Kausalitätsbegriff hat das Kind bis gegen das 1 2. Jahr hin überhaupt nicht. Es sieht dasjenige, was beweglich ist, was bewegliche Vorstellungen sind. Was als Bildhaftes, Musikalisches da ist, das schaut es, nimmt es wahr, aber es hat für den Kausalbegriff bis gegen das 1 2. Jahr hin keinen Sinn. Daher müssen wir dasjenige, was wir dem Kinde beibringen bis gegen das 1 2. Jahr hin, rein sein lassen vom Kausalitätsbegriff. Da erst können wir darauf rechnen, dass das Kind die gemeiniglichen Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen ins Auge fassen kann. Von da an fängt das Kind eigentlich erst an, sich Gedanken zu machen, bis dahin hat es Bildvorstellungen. Da leuchtet nämlich schon voran dasjenige, was dann mit der Geschlechtsreife vollständig auftritt: das gedankliche, das urteilende Leben, das an das Denken im engeren Sinne geknüpft ist, während das Leben zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife an das Fühlen geknüpft ist, und das Leben vor dem Zahnwechsel an den innerlich sich entfaltenden Willen, der für dieses Lebensalter nicht unter Gedanken steht sondern unter Nachahmung des dem Kinde Entgegentretenden. Aber mit dem körperhaft dem Kinde Entgegentretenden setzt sich auch das Moralische, das Geistige fest im Körperhaften. Daher ist es auch unmöglich im 10. bis 11. Lebensjahr, meistens sogar noch im 11. bis 12. Lebensjahr, dem Kinde etwas beizubringen, wo man auf Kausalität sehen muss.

 

Mit diesen wenigen Zitaten und Überlieferungen muss der Gartenbaulehrer nun auskommen. Im weiteren Werk verstreut finden sich aber immer wieder Hinweise Rudolf Steiners auf die Wichtigkeit des bewussten Umganges mit der Natur, oft werden Beispiele aus der Pflanzenwelt verwendet.

Der "Landwirtschaftliche Kurs" ist neben den pädagogischen Werken das wichtige Buch des Gartenbaulehrers.