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Peter Lange

Bambus

Als Mensch hat man immer wieder Begegnungen - als Gärtner aber noch zusätzliche, nämlich solche mit Pflanzen. So kam ich vor einigen Jahren in einen Garten, in welchem ein herrlicher Bambus wuchs. Breit, ausladend, ganz bestimmt fünf bis sechs Meter hoch, fesselte mich diese Pflanze ausseror dentlich. Es scheint, dass man manchmal jahrelang an Pflanzen vorbeigeht, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Aus dieser Begegnung hat sich eine Beziehung entwickelt, welche nun schon jahrelang andauert. Ich konnte mich nicht zurückhalten und musste um ein Stück dieser so beeindruckenden Pflanze für den eigenen Garten bitten. Die Besitzerin schaute mich aber warnend an und meinte: "Das musst Du Dir aber gut überlegen, wenn Du ihn einmal hast, so bekommst Du ihn kaum mehr weg. Und ausserdem machst Du mir viel Arbeit!" Eine solche Warnung kann natürlich einen in eine Pflanze verliebten Gärtner nicht abschrecken, schliesslich macht Liebe ja blind. Die zweite Bemerkung verstand ich erst Jahre später.
So wächst nun der Phyllostachys sp., wie er international verständlich heisst, seit bald acht Jahren im Garten. Aus einem zähen Rhizomstück,welches in einem Plastiksack gut Platz fand, ist nun ein mehrere Meter durchmessender Pflanzenhorst geworden. Das ganze Jahr ist er grün und immer in Bewegung mit seinen vielen tausend kleinen Blättern. Mit der ganzen Gestalt antwortet er auf die atmosphärischen  Bedingungen: ganz leise raschelt er in der kaum bewegten Luft, er duckt sich unter prasselndem Regen, wird hin und her gezaust vom Wind, welcher um die Hausecke bläst. Es kann stürmen, wie es will, noch nie fand ich einen abgebrochenen Trieb. Der Winter bedeckt ihn mit Schnee. Keinen Widerstand bietet er den fallenden Flocken. Diese beugen ihn mit ihrem Gewicht, bis er am Boden liegt. Aber kaum ist der Schnee wieder fort, stehen die Bambushalme wieder in ihrer alten Aufrechte da. Einen Haupftfeind hat er allerdings bei uns: den Frost, wenn er Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius bringt. Der oberirdische Teil friert ab, das Rhizom ist im Boden geschützt, und mit im Vorjahr darin gespeicherter Kraft treibt er von neuem wieder aus. Die abgefrorenen Halme werden geschnitten. Bis zum nächsten sehr kalten Winter sind dann genug Bambustecklein vorhanden, um andere Pflanzen im Garten aufzubinden.
 Im Frühsommer, wenn die ersten warmen Tage den Boden schon erwärmt haben, wird es beim Bambus besonders interessant. Zwischen den alten Halmen und bei Ausläufer treibenden Arten auch im näheren Umkreis, machen sich allerhand Spitzen bemerkbar, welche auffallend rasch, mit kleinen Blattspreiten wie fröhlich winkend, in die Höhe streben. Der Halm schiebt sich, vom Rhizom ernährt, aus dem Boden. So dick, wie der Spross aus dem Boden kommt, wird nachher der Halm. Dickenwachstum, wie wir es von unseren mehrjährigen Gehölzen kennen, findet nicht statt! Auch die Anzahl der Internodien des dann ausgewachsenen Bambushalmes ist vorgegeben, teleskopartig schieben sie sich auseinander. Ausserordentlich empfindlich sind die jungen Halme zu dieser Zeit: wird der Sprossoberteil abgebrochen oder mit dem Rasenmäher abgeschnitten, stirbt der ganze Teil ab. Bambus kann für botanische Verhältnisse atemberaubend schnell wachsen, nämlich je nach Art an günstigen Standorten 20 - 40 cm am Tag. Ganz gerade wachsen die Halme empor und durchstossen lanzengleich den Raum der bisher gewachsenen Triebe. Jedes Jahr wachsen die neuen Halme etwas höher, bis sie nach etwa 10 Jahren ihre fortdau ernde Mächtigkeit erreicht haben. Ist das Längenwachstum abgeschlossen, beginnt sich der Halm zu verzweigen, Blätter zu bilden und reiht sich so in die Gemeinschaft der Halme ein. Diese ist von längerer Dauer, 8 - 10 Jahre alt kann ein Bambushalm werden, jedes Jahr treibt er dann weitere Seitentriebe mit neuen Blättern aus. Auch diese können mehrere Jahr alt werden. Der Wechsel findet kontinuierlich statt: die Pflanze "reinigt" sich. So ist stets der Boden mit vielen trockenen und sehr kieselhaltigen Blättern bedeckt, welche von Katzen, Kindern und Vögeln sehr, von Sauberkeit liebenden Gärtnern weniger geschätzt werden ("Einheimi sche Pflanzen verlieren ihre Blätter wenigstens nur im Herbst!). Nun, so hat jede Pflanze ihre Eigenarten, der Bambus steht da nicht zurück. Ist er doch wirklich etwas besonderes bei uns und kann in Tat und Wahrheit auf seine einheimischen Verwandten herabschauen: er gehört zu der Familie der Gräser. Gerade dieses, wahrhaft ins gigantische wachsende Riesengras lässt den Blick für die Schönheit der bekannten Gräser entwickeln, wozu ja auch die Getreidesorten gehören.
Die Grasblüte ist ja eigenartiger Weise im Vergleich zu anderen Pflanzen sehr unscheinbar. Man könnte meinen, dass es für diese Familie gar nicht wichtig sei, auf diese Art ihrer Wesen auszudrücken. Noch viel ausgeprägter ist das beim Bambus: er blüht nur in sehr grossen Abständen - manche einmal in dreissig Jahren, andere in Rhythmen von 60, 80 oder auch 120 Jahren. Das sehr zum Leidwesen der Gelehrten, welche ja eine Pflanze nur eindeutig nach der Blüte bestimmen können. So herrscht dort noch nicht die heute gewünschte Eindeutigkeit. In der Blüte vollbringt die Pflanze eine solche Leistung, dass sie danach abstirbt. Keine gärtnerische Kunst kann das verhindern, wo es geschieht, bleibt zu hoffen, dass sich aus den nur ganz kurze Zeit keimfähigen Samen neue Pflanzen entwickeln.
Üblicherweise sagt man, dass "Liebe durch den Magen geht". Beim Gärtner geht die Liebe aber über die Vermehrung. Denn liebt er eine Pflanze, so muss er sie vermehren. So ging es auch mit meinem in der Zwischenzeit tüchtig herangewachsenen Bambus. Mit Spannung wurde der Sommer erwartet, die Kinder hielten fleissig Ausschau nach den ersten Sprossen, um dann ihren Vater im Schweisse seines Angesichts mit Spaten, Schaufel, Pickel, Beil, Säge und Astschere kleine Rhizomstücke aus dem Boden holen zu sehen. Die Überraschung war gross, als sich zeigte, dass dieser Bambus auch eine recht brauchbare und robuste Zimmerpflanze abgibt. Sie ersetzt in unserer Stube die Gardinen. Auch andere Bambusarten fanden sich mit der Zeit ein. So zum Beispiel ein Zwergbambus, welcher zu den wenigen Pflanzen gehört, welche ich in meinem Zimmer habe. Jeden Tag begrüsst er mich als Vorder grund zum morgendlichen Himmel und regt auf seine Art manchen Gedanken an.

Bambus ist hauptsächlich 40 Grad nördlich und 40 Grad südlich des Äquators bis zu einer Höhe von 3000 m ü.M beheimatet, wird aber eigenartigerweise nur in Asien genutzt. In der Kultur der dort lebenden Völker spielt er allerdings eine ausserordentlich grosse Rolle: er ist aus dem Leben nicht wegzudenken. Er wird gebraucht als Baumaterial für Häuser, für Gerüste, als Behälter für Getränke und Nahrungsmittel, als Ausgangsmaterial zur Herstellung von Möbeln und Ein richtungsgegenständen, für Geräte der Feld- und Gartenarbeit, als Waffe, als Nahrungsmittel für Tier und Mensch, als Medizin. Moderne Werkstoffe und Techniken können den Bambus nicht ersetzen. Bambusrohr hat die Festigkeit von Stahl, ist aber biegsamer, ist leicht und trotzdem fest, ist verformbar und doch zäh. Es brennt schlecht, kann aber mit Hitze gebogen und geformt werden, lässt sich in Faserrichtung haarfein spalten, woraus dann wieder viele Produkte hergestellt werden können. Die jun gen Sprosse sind eine ausgezeichnete Nahrung, die Blätter werden vom Vieh (und Pandabären) geschätzt.
Von den etwa 100 in Japan anzutreffenden Arten werden hauptsächlich zwei in Kultur angebaut. "Madake"als Baustoff und Werkmaterial, "Moso" für die Bambussprossen. Die Kulturen werden sorgfältig gepflegt und setzen genaue Kenntnis der Pflanzen voraus. Die Halme werden geschlagen, wenn sie drei bis fünf Jahre alt sind - vorher sind sind zu weich, nachher zu hart.
Bambus begleitet den Menschen durch das ganze Leben. "Man kann machen, dass man kein Fleisch isst, aber man kann es nicht dahin bringen, dass man keinen Bambus hat." (Su Dongpo, Maler und Dichter der Song-Dynastie, 1036 - 1101.) Bambus kann als Symbol der asiatischen Lebensart gelten. Er biegt sich im Wind, bricht aber nicht. Die Blätter bewegen sich, aber fallen nicht. Er gibt nach und bleibt trotzdem Sieger.
Der Bambus mit seiner Charakteristik wirkt auch stark in das religiöse und künstlerische Leben. Dazu einige Beispiele aus Japan in der traditionellen Versform des Haiku:

 Im Sommerregen
So ab und zu beim Bambus
Ein Falter auftaucht

(Chora  1721 - 1772)

Wohl fünf- bis sechsmal
Farben mischen
am Bambusvorhang

(Ransetsu 1654 - 1707)

Jedem seine eigenen Sorgen
Bereitet die Dürre -
Ich bange um Bambus und Kiefer

(Po Chü-i)

Gemalt und geschrieben wurde früher auf Bambustäfelchen und auf Bambuspapier. Die  Gestalt des Bambusblattes ist Leitform der Kal ligraphie. Auch in der Malerei und in der Holz schnittkunst findet sich immer wieder der Bambus als Motiv.
 
 
Abb. Hokusai "Bambus" Holzschnitt
 
 
Ohne Bambus ist auch kein chinesischer oder japanischer Garten zu denken: besonders schöne Haine, um Tempel und Klöster zu finden, regen zu meditativen Betrachtungen an, die immergrünen Blätter dienen als Hin tergrund, um anderen Pflanzen Geltung zu verschaffen.
Diese fernöstlichen Gärten wären nun aber schon wieder ein Thema für sich - besser wir bleiben vorerst einmal bei unseren Gärten. Vielleicht mag sich der eine oder andere Gärtner auch für diese Pflanze begeistern, welche in einem anderen Kulturkreis so viele Beziehungen zum menschlichen Tun und Wirken hat.