www.schulgarten.ch |
||||
Yvonne FunkeWie ich die Schmetterlinge zusammen mit meinen Schülern entdeckte...In der Waldorfschule, in der ich arbeite, hatte ich mit der 2. Klasse eine sehr erfreuliche Nachbarschaft mit meinem 1. Klasskollegen. Eines Tages tauchte bei ihm plötzlich ein Schmetterlingskasten auf, den ein Schülervater gebaut hatte, da wohl die Erstklässler ihren Lehrer mit Raupen überhäuften. Bald tummelten sich viele schwarze Raupen auf den Brennnesseln im Kasten und mein Kollege hatte schon früh am Tage einige Versorgungen zu treffen. Bei der Arbeit in meinem Gärtchen fand ich einige Tage darauf eine schöne, auffällige Raupe; hellgrün, mit oranger und schwarzer Musterung. Ganz unbekannt war sie mir nicht, aber plötzlich schoss es mir durch den Kopf: Was ist, wenn das auch ein Schmetterling wird? So übernachtete sie bei mir zu Hause und ich hoffte sehr, sie würde den Dill, worauf ich sie gefunden hatte, auch fressen. Am nächsten Morgen bekam die 1. Klasse einen neuen Bewohner. Nun war guter Rat teuer. Was frisst sie? Wir waren noch viel zu unbeholfen und kannten gerade so die "Brennnesselraupen". Zum Glück gibt es das Internet, wo mein Kollege bald die Futterpflanze herausfand. Nun wurde jeden Morgen frischer Dill gebracht und die Dillraupe bekam noch weiteren Besuch. Voller Spannung betrachteten die Kinder der 1. und 2. Klasse und ihre Klassenlehrer die Raupen und staunten, wie schnell diese dick wurden. Emsig und hungrig fraßen die Raupen und taten nichts anderes. Es geschah noch ganz ohne unsere genaue Beobachtung, als sich die ersten schwarzen Raupen verpuppten. Im Kasten hingen oder lagen bräunliche Puppen. Auch war eines Tages der frische Dill überflüssig, den statt der fetten Raupen, hingen an der Decke des Kastens hellgrüne Gebilde. "Kinder, schaut einmal zum Kasten, die Raupen haben sich verwandelt." Die Zweitklässler gingen herüber und so drängelte es sich morgens um den Kasten. Nach einiger Zeit flüsterte mir der Lehrer zu, er habe eine Überraschung. Kurz nach Stundenbeginn kam er feierlich zu uns in die Klasse und sagte, wir sollen einmal leise herüberkommen. Wohlgeordnet und gespannt waren fast 70 Kinder in einem Raum und warteten leise darauf, dass der Lehrer den Kasten öffnete. Die Gardinen wurden zugezogen und ein Fenster geöffnet. Als der Kasten geöffnet wurde, flogen bald die ersten Tagpfauenaugen heraus und sogleich flogen sie an die Gardinen. Der eine oder andere flog auch gern einem Kind um die Nase, was mit einem stillen und dankbaren Lächeln beobachtet wurde. Es war im Raum eine sehr beeindruckende Stille. Alle Aufmerksamkeit war auf die Schmetterlinge gerichtet. Der Lehrer sagte zu uns: Jetzt fliegen sie zum ersten Mal in ihrem Leben." -Da wurde mir bewusst,dass sie das Fliegen nicht vorher haben üben können, sie waren ja ganz andere Wesen und trotzdem fliegen sie leicht dahin. Es war, als wenn wir alle einer Geburt zugeschaut hätten. Für einen großen Moment war ein Staunen und eine Freude spürbar. Wo kamen diese bunten flatternden Wesen her? Hatten sie je etwas mit den Raupen zu tun gehabt? Im Kasten waren die leeren Hülsen der Puppen. Man schaute sie an und begriff es doch nicht. Die richtige Verwandlung blieb uns ja verborgen. Wir hatten sie nicht gesehen. Beim Anblick der leeren Puppen und der Erinnerung der gerade fortgeflogenen Schmetterlinge wurde es in mir innerlich sehr still. Diese ganz andere Stille, die da bei 70 Menschen sich ausbreitete, dieses tiefe Schweigen, woher kam es, wer oder was zauberte es hervor? Am höchsten war die Überraschung, als die hellgrünen Puppen zum Leben erwachten und eines Morgens wunderschöne, große Schwalbenschwänze an der Wand saßen. Wo kamen die schon wieder har? Man konnte sich irgendwie des Eindruckes nicht erwehren, da zaubere jemand des nachts heimlich im Klassenzimmer herum. Nun trugen wir den Kasten heraus und öffneten ihn. Aber unsere Zöglinge wollten gar nicht heraus. Der Lehrer holte sie vorsichtig heraus und da setzte sich der eine Schwalbenschwanz auf seine Hand. Und eine wirklich lange Zeit bewunderten wir diesen Schmetterling, den wir sofort sehr lieb gewannen. Mir kamen fast die Tränen und ich beneidete ehrlich gesagt sehr meinen Kollegen. Was musste das schön sein! Nachdem er immer noch nicht in seine neue Heimat fliegen wollte, setzte der Lehrer ihn liebevoll auf einen Zweig. Das Schuljahr ging vorüber. Sehr verwundert entdeckte ich im September wieder eine Dillraupe im Gärtchen. Nun machte ich mir aber Sorgen, ob da alles in Ordnung sei, denn der Schmetterling würde unweigerlich in die Kälte kommen. Zum Glück hatten Freunde von mir ein Schmetterlingsbuch entdeckt, welches ein Gartenbaulehrer aus Zürich geschrieben hatte. Sogleich las ich etwas darin und wusste dann: Diese Puppen werden lange schlafen, sie überwintern! Das Schmetterlingsjahr war also noch nicht vorüber. Es kam eine zweite Generation. Alles war so neu. Mir war, als würde ich ein großes Geheimnis kennen lernen. Das Interesse an Schmetterlingen war schon längst geweckt. Nach langen Überlegungen und erneutem Lesen entschloss ich mich, die Dillraupen aus dem Garten in den Kasten zu holen und ihnen beim Überwinteren etwas behilflich zu sein. Der Zweifel, ob das ein Eingriff in die Natur wäre, wurde dann doch besiegt bei der Vorstellung, dass die Puppen beim Aufräumen im Garten oder bei Sturm eventuell kaputt gehen könnten. Diesmal stand der Schmetterlingskasten zu Hause und die Raupen wurden gut versorgt. Jetzt kannte man sich ja schon etwas besser aus. Ich kann nicht sagen, wie viele Male ich täglich nach den Raupen schaute. Fielen sie auch nicht von der Futterpflanze? Ist der Dill noch frisch? Leben sie noch? Als eine Raupe nun aber den Dill verließ und ununterbrochen im Kasten umherkroch, da wurde mir richtig bange. Sie wollte vom Dill, den ich ihr hinlegte nichts mehr wissen. War sie krank? Wohin wollte sie? Wieder versuchte ich aus dem Buch etwas zu erfahren und rief einige angeführte Adressen an, leider erfolglos. Es kann nur so sein, dass sie wie in der Natur wandert, um ihren Platz zum Verpuppen zu suchen, sagte ich mir, aber die Sorge wurde nicht gerade weniger. Plötzlich fiel mir ein, dass ich den Gartenbaulehrer und Autor des Buches einmal kennen gelernt hatte. Die Erinnerung an die damals sehr erfreuliche Begegnung wurde wieder lebendig. Bald war die Telefonnummer gefunden und ich konnte mich mit Peter Lange austauschen. Endlich ein Fachmann, den man fragen und dem man erzählen konnte. Den Kindern meiner nun 3. Klasse erzählte ich in der Zeit fast täglich von den Veränderungen. Gerne hätten sie den Kasten in der Schule gehabt, aber die Puppen brauchten Ruhe und vor allem Kälte im Winter. Von nun an brachten die Kinder Raupen mit. Es entstand eine neues Studiengebiet, denn ich kannte gerade einmal zwei Raupenarten. Eine ganze große, dicht behaarte Raupe wurde von uns bewundert. Man hätte sie zu gern gestreichelt. Aber die Klasse hatte mitgelernt und wusste nun auch, dass man das nicht tun sollte. Setzte sich ein Schmetterling im Schulhof nieder, so riefen mich die Kinder und besahen freudig die Gäste. Ganz "gewöhnliche" Schmetterlinge, die man vorher nicht so betrachtet hatte, fanden wir nun plötzlich sehr schön. Besonders lieb wurde uns das Tagpfauenauge. Gerade beim Abmalen bemerkte ich seine große Schönheit. Viele Kinder erzählten, wie sie Raupen gesehen hätten. Und da nun die "Raupenwanderungszeit" begann, setzten die Kinder die Raupen vorsichtig ins Grüne, wenn diese aus Versehen über die Straße gekrochen waren. Leider gab es einige, die überfahren waren. Auch wenn beim Autofahren ein Schmetterling gegen die Scheibe prallte, so tat mir das sehr leid, denn nun wusste ich, welchen langen Weg er hinter sich hatte. Zu Hause konnte ich viel genauer die Vorgänge beobachten. Die Raupen hatten nun ein Stöckchen bekommen, wo sie sich hinhängen konnten. Und wenn sie sich nicht mehr bewegten und gekrümmt am Stock "klebten", dann war ihre Zeit gekommen in ein anderes Dasein zu gehen. Durch die genauen Beobachtungen wusste ich es nun. Natürlich kam immer wieder die Sorge auf, ob sie wirklich noch leben würden, wenn die Raupe so 3 Tage regungslos dahing. Zu Hause konnte man der Verpuppung fast zuschauen, auch wenn natürlich der eigentliche Vorgang nicht sichtbar war. Ich hatte die Raupe gerade noch grün gesehen, als etwa eine Stunde später eine hellgrüne Schale herumgewickelt war, von der Raupe keine Spur mehr. Es stellte sich eine traurige Empfindung ein. Auch war ich wie ergriffen. Es war doch der Tod spürbar. Gleichzeitig war auch ein "wissen" anwesend, das viel höherer Art war, das sagte, es ist so Gesetz. Vielleicht mag es komisch erscheinen, aber in diesem Moment hatte ich eine Hochachtung, eine Ehrfurcht vor diesem Wesen, das so selbstverständlich dem Gesetz folgte und sich aufopferte und in die Puppe hineinstarb. Am nächsten Tag fragte ich die Kinder, was sie meinen, was die Raupe jetzt macht. Sie meinten, sie verwandele sich und sagten auch, dass die Raupe aber verloren gehe, dass sie stürbe. "Ja, sie opfert sich für den Schmetterling." Bei dieser Betrachtung mit den Kindern sah ich die Augen eines Buben, der, sonst wild und recht unaufmerksam, ganz stille geworden war und einige Tränen in den Augen hatte. Sehr ernst war plötzlich das Kindergesicht. Vielleicht ahnte er ganz tief, welches gewaltige Bild vor die Menschen gestellt wird, welche große und ewige Wahrheit sich in dem Weg der Schmetterlingsraupe offenbart.
|
||||