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Peter Lange

Gärtnerische Altertümer - der Färberwaid oder Deutscher Indigo (Isatis tinctoria L.)
 

Die Menschheit hinterlässt Spuren auf ihrem Entwicklungsgang durch die Zeit. Bauten,  Kunstwerke, Werkzeuge, Dinge des Alltags - heute Zeugen vergangener Tage. Diese werden  gerne ausgegraben und gesammelt, restauriert und ausgestellt. Die Nachkommen jener alten Benutzer stehen nun davor - staunend über die vergangene Verschiedenartigkeit. So ging es auch kürzlich dem Schreibenden. Er besuchte in Stein am Rhein das Museum ?Haus zum Lindwurm?. Ein städtisch bürgerliches Haus in welchem auch Landwirtschaft betrieben wurde, wie es damals in diesem kleinen Städtchen mit Rheinübergang üblich war. Ein Besuch in diesem kleinen Museum der Landwirtschaft und Wohnkultur lohnt sich. Einzigartig ist die Ausstellungsweise, welche den Besucher durch ein Haus führt, dessen Bewohner scheinbar nur kurz ins Städtchen  oder aufs Feld gegangen sind und jeden Augenblick zurückkommen könnten, um die begonnene Arbeit fortzusetzen. Viele Geräte und Werkzeuge sind dem Besucher  in Sinn und Bedeutung klar - andere bleiben unbekannt und unverständlich, es ist nicht möglich, zu ihnen einen aktuellen Bezug herzustellen. So wird es sein, dass zu verschwundenen Werkzeugen auch verschwundene Pflanzen gehören. Sozusagen  pflanzliche Altertümer - ihr Sinn und Nutzen, wie sie einmal dem Menschen gedient haben, wurde vom abgefallenen Laub der Jahre zugedeckt.  Wer etwas über sie wissen will, muss nun eine besondere Archäologie betreiben!

In unserem Schulgarten wächst eine zweijährige Pflanze, über die wir uns in jedem Frühjahr sehr freuen. Sie gehört zu den wenigen krautigen Gewächsen, welche schon zeitig im April den Garten mit einem leuchtenden und duftenden Akzent versehen. Das ist der Färberwaid (Isatis tinctoria  L.) - eines dieser pflanzlichen Altertümer. Kaum ein Besucher kennt diese Pflanze, und wenn sie bei uns im Garten angebaut wird, so ist es nicht um ihrer alten Bedeutung willen, sondern ganz einfach zur Bereicherung unserer Frühlingsblütensträusse. Mit dieser Pflanze, welche nun ein vergessenes, selten beachtetes oder auch  verwildertes Leben führt, begegnen wir einer Pflanzenpersönlichkeit, die seit menschlicher Frühzeit bis ungefähr 1910 eine wichtige Kulturbegleiterin war. Isatis tinctoria ist die einzige einheimische Pflanze, aus welcher sich ein haltbarer blauer Farbstoff herstellen lässt. Nun ist für uns heutige Menschen gar nicht einfach, die Bedeutung der Farbe in Kultur und Alltag an den richtigen Platz zu stellen. Die moderne Welt ist nicht nur sehr farbig, sondern überfarbig! Farbe ist Allgemeingut, überall verwendet, überall gegenwärtig bis hin zur Nichtmehrwahrnehmbarkeit der farblichen Aussage eines Gegenstandes. Man denke sich einmal die intensive Farbigkeit der Kleider oder Gebrauchsgegenstände hinweg und bewege sich in Gedanken durch eine ?naturgefärbte? Umwelt. Wie anders müssen da die Erlebnisse an den Farben der Blumen,  der Insekten oder Mineralien wirken! Welchen Eindruck muss da erst ein indigoblau gefärbtes Kleidungsstück machen! Oder die mit Färberwaid geblauten Gesichter der Krieger der britannischen Stämme, über welche Cäsar in ?De bello gallico? berichtet: ?Alle Britannier färben sich mit Waid blau und sehen daher in der Schlacht ganz schrecklich aus.? Magisch in dieser Art, heilend beim Isenheimer Altar, vor den die Kranken getragen wurden, war die Wirkung der Farben. Eine besondere Uebung und Anstrengung braucht es heute, solche Farbqualitäten zu erleben.

 So verwundert es nicht, dass der Färberwaid neben anderen Färberpflanzen eine grosse wirtschaftliche und soziale Bedeutung hatte. Es lassen sich drei Gruppen von Färberpflanzen unterscheiden. Solche, bei denen der Farbstoff nicht zuende entwickelt ist und erst durch spezielle Verfahren entwickelt werden muss. Das gilt für den Indigofarbstoff der Färberwaid. Ist das Vorgehen bekannt, lassen sich sehr einfache Färbeverfahren anwenden.
Bei einer zweiten Gruppe ist der Farbstoff fertig in der Pflanze ausgebildet. Zur Verwendung muss er nur herausgeholt werden wie bei der Färberdistel Carthamus tinctorius.
In der dritten Gruppe ist der Farbstoff ebenfalls vorhanden, muss aber am Färbegut durch eine spezielle Vorbehandlung mit Metallsalzen (Beizung) fixiert werden. Die Beizenfärberei wurde in unserem Kulturkreis erst im Mittelalter angewendet.
Viele Pflanzen unserer einheimischen Flora wurden zu Färberzwecken gebraucht. Eine Erinnerung daran findet sich in den lateinischen Artnahmen mit "tinctoria".

Nun soll der Färberwaid etwas nachgespürt werden. Dank dem eigenartigen und charakteristischen Aussehen der Früchte konnte der Waid oft bei archäologischen Funden nachgewiesen werden. Aelteste Entdeckungen  stammen aus der Jungsteinzeit (Neolithikum, ca. 2000 Jahre vor Christus). Die ersten schriftlichen Erwähnungen finden sich wie oben zitiert bei Cäsar, später bei Dioskurides, in dessen Buch sich sogar eine Abbildung findet. In schriftlichen Zeugnissen des Mittelalters wird wird der Waid immer wieder erwähnt.
Diese Färbepflanze spielte eine wichtige Rolle im damaligen wirtschaftlichen Leben. In Köln wurde 1383 ein eigener Meister für den Waidmarkt berufen,  Nürnberg hatte ein eigenes Waidamt. Hauptanbaugebiet in Deutschland war Thüringen mit den  ?Waidstädten? Erfurt, Gotha, Tennstedt, Arnstedt und Langensalza. Die Waidhändler bildeten die Aristokratie der Städte und waren so reich, dass sie 1392 in Erfurt die finanziellen Mittel zur Gründung der später berühmten Universität aufbringen konnten. (Mit dem Wissen um diese Gründung gehe ich nun ganz besonders gerne an der Färberwaid im Garten vorbei und freue mich, dass sie solch achtbare Kulturtaten bewirkt hat!)
Der Waid belebte auch den Aussenhandel, England und die Niederlande waren die wichtigsten Abnehmer.

Eine völlig neue Situation ergab sich mit der Entdeckung des Seeweges nach Indien und der damit beginnende Welthandel. Um 1560 wurde der erste Indigo aus tropischen Leguminosenarten (Indigofera spec.) eingeführt. Dieser war billiger, ergiebiger und beständiger als der Waid. Trotz dieser Vorteile dauerte es noch viele Jahre, bis der Waidanbau aufgegeben wurde. Eine so einträgliche Pflanze liess man nicht gerne aus den Händen! Der Gebrauch von Indigo wurde 1577 - 1553 verboten, in England und Sachsen sogar unter Androhung der Todesstrafe. Trotzdem konnte damals (und wie auch manchmal heute noch) mit solchen Mitteln nichts erreicht werden. Erst die Kontinentalsperre von Napoleon brachte 1806 eine neue Blüte des Waidanbaues, erlosch dann aber völlig in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

So haben wir heute im Waid eine ?geschichtliche? Pflanze vor uns, welche massgeblich an menschlicher Kultur und Wirtschaft beteiligt war. Heute ist sie unbekannt, wächst nur noch als botanisches Altertum in diesem oder jenem Garten und - wer weiss, vielleicht gibt es doch noch jemanden, der damit färbt....

Nun soll  versucht werden, dem blauen Geheimnis dieser Pflanze etwas näher zu kommen. Das ein solches vorhanden ist,  ist ihr äusserlich gar nicht anzusehen. Der Färberwaid gehört zu den Kreuzblütlern. Diese Verwandtschaft zeigt sich besonders am scharfen kresse- oder rettichähnlichem Geschmack der Blätter. Er ist zweijährig und bildet im ersten Jahr eine eine Rosette mit 30 - 35 cm langen Blättern. Udelgard Körber-Grohne (Nutzpflanzen in Deutschland) beschreibt die Entwicklung der Pflanze:
"Eine einzelne Pflanze bildet je nach Bodenqualität und Abstand der Pflanzen bis zu zwanzig Blütenschäfte, die bis zu 1,3 Meter hoch werden können. In der unteren Hälfte  besitzt der Stengel zahlreiche schmale, blaugrüne Blätter. Sie sind mit einer dünnen, abwischbaren Wachsschicht bereift und gänzlich kahl, sehen also anders aus als das Rosettenstadium des ersten Jahres, bei dem die Blätter auch weich behaart sein können. In der oberen Hälfte verzweigt sich der Blütenschaft und trägt am Ende zahlreiche gelbe, sehr kleine Blüten. Ab Mitte/Ende Juli sehen die Waidpflanzen in ihrer oberen Hälfte schwarz-glänzend aus. Das rührt von der Vielzahl der Früchte her, die hängende, flache,  länglich-ovale Schoten sind. Ihre Form ist so eigentümlich, wie sie sonst nirgends bei der grossen Familie der Kreuzblütler vorkommt."
 

Der Färberwaid steht lange schmückend im Garten, ist als Blüte wie auch als werdender Fruchtstand ein guter Bestandteil für Sträusse. Der rapsähnliche, süsse Duft durchweht belebend den Garten, die Blüten sind ein früher Nektarlieferant für Bienen und andere Insekten. Der Gärtner muss die Pflanze gut aufbinden, weil die schwerbehangenen Blütenschäfte, vom Regen schwer geworden, gerne umbiegen. Angesät wird der Waid Ende März. Saatgut ist erhältlich bei der Gärtnerei am Ekkarthof oder kann selber über das Jahr nachgenommen werden.
Anbau, Pflege und Verarbeitung beschreibt Eduard Langenthal (1845, Lehrbuch der landwirtschaftlichen Pflanzenkunde):

"Der Waid verlangt einen kalkhaltigen Boden in kräftigem Zustande. Kraftloser Boden gibt einen geringen Ertrag, kalkloser Boden eine missliche Ernte und ein wenig farbehaltiges Blatt, Moorboden ein fast farbeloses Blatt. Je früher im Frühjahr der Waid in das Land kommen kann, umso mehr erntet man. Der Samen bleibt mehrere Wochen zum Keimen liegen... Sobald die jungen Pflanzen ihr fünftes Blatt zu treiben anfangen, beginnt das Jäten, durch welches man nicht allein das Unkraut entfernt, sondern auch die Pflanzen weiter voneinander stellt, in kräftigem Boden 12 Zoll, in magerem dichter. So oft sich Unkraut einstellt, muss es beseitigt werden, damit die Waidernte nicht dadurch verunreinigt wird. Die erste Ernte beginnt, wenn die unteren Blätter hart werden und dadurch ihr bevorstehendes Verwelken anzeigen. Man schneidet den ganzen Blattbusch vom Wurzelkopf ab, lockert die Erde auf und erhält im Jahr drei oder nur zwei solcher Ernten."

Der Waid kann auf verschiedene Weise zum Verkauf zurecht gemacht werden. Auf die ältere Weise wurden die frisch geernteten Blätter in die Waidmühle gebracht, um sie zu quetschen. Unter Dach und Fach wurden sie zur  ca 14-tägigen Gärung in Haufen gelegt, dann geknetet und zu Ballen geformt. Nach der neueren Weise liess man die abgeschnittenen Blätter auf dem Acker abwelken, schaffte sie dann auf einen luftigen, aber schattigen Bodenraum, um sie dort gänzlich zu trocknen und verkaufte sie so an die Händler.
 

 Wie wird nun der Farbstoff zugänglich? Wer denkt, der Indigo sei einfach im Blatt enthalten, muss eines besseren belehrt werden - er findet ihn nicht, auch keinen äusseren Hinweis auf diese sehr besonderePflanzeneigenschaft. Der Waidindigo wird erst in der Färberküpe entwickelt. Chemisch gesehen ist er gleich dem Indigo der Leguminosenbäume. Der blaue Farbstoff ist erst  in einer farblosen Vorstufe (Indican) im Blatt enthalten. Gären die Pflanzen  zu Haufen geschichtet oder in der Küpe des Färbers, bildet sich ein weiteres Zwischenprodukt, das Indoxyl. Wird nun Garn oder Gewebe in die Küpe gebracht, herausgezogen und an der Luft aufgehängt, entwickelt sich durch den zutretenden Sauerstoff die haltbare blaue Farbe. Ein eindrückliches Erlebnis! Leise kann sich dann beim Betrachter die Frage regen:?Wie war es wohl möglich, eine solche  Pflanzeneigenschaft zu entdecken und nutzbar zu machen?? Isatis verbirgt ihr Geheimnis gut - keine äusseren Anzeichen geben ihren inneren Wert kund. Wer in heute üblicher, kausaler Denkweise meint, das sei wohl durch ausprobieren herausgefunden worden, wird sich wohl irren. Denn für jeden Versuch braucht es eine Fragestellung, eine Idee, welche in der Wirklichkeit bestätigt werden muss. Pflanzen offenbaren ihr Wesen nur dem, der eine pflanzengemässe, wesensverstehende Beziehung zu ihnen schaffen kann. Menschen vergangener Zeiten hatten diese. Erst durch ?Zusammenarbeit? mit den Pflanzenwesen sind die Kulturpflanzen entstanden - nicht durch Zufall oder Auswahlzucht. Was wir heute können, ist Pflege, Kreuzungszucht und Vermehrung der bestehenden Kulturpflanzen, um selbst wieder solche entstehen zu lassen, ist es wohl nötig, fleissig an uns selber zu arbeiten und uns etwas weiter zu entwickeln...

Rudolf Steiner schildert die Beziehung der früheren Menschheit zu Pflanzen und Tieren:

"So verstand er Pflanzen und Tiere in ihrem inneren Weben und Leben. Ja, er verstand so auch die physischen und chemischen Kräfte der leblosen Dinge. Wenn er etwas baute, brauchte er nicht erst die Tragkraft eines Holzstammes, die Schwere eines Bausteines zu berechnen, er sah dem Holzstamme an, wieviel er tragen kann, dem Baustein, wo er durch Schwere angebracht ist, wo nicht. So baute der Lemurier ohne Ingenieurkunst aus seiner mit der Sicherheit eines Instinkts wirkenden Vorstellungskraft heraus."

"Man lernte hier die Naturkräfte in unmittelbarer Anschauung kennen und auch beherrschen. Aber das Lernen war so, dass die Naturkräfte sich beim Menschen in Willenskräfte umsetzten. Er konnte dadurch selbst ausführen, was die Natur vollbringt. Was die spätere Menschheit durch Ueberlegung, durch Kombination vollbrachte, das hatte damals den Charakter einer instinktiven Tätigkeit. Doch darf man das Wort "Instinkt" hier nicht in demselben Sinne gebrauchen, wie man gewohnt ist, es auf die Tierwelt anzuwenden. Denn die Verrichtungen der lemurischen Menschheit standen turmhoch über allem, was die Tierwelt durch Instinkt hervorzubringen vermag. Sie standen sogar so weit über dem, was sich seither die Menschheit durch Gedächtnis, Verstand und Phantasie an Künsten und Wissenschaften angeeignet hat."(GA11/Tb. 1975/S.45)

"Die Willenskraft des Menschen wirkte dazumal magisch. Der Mensch konnte durch seinen Willen auf das Wachstum der Blumen wirken. Wenn der Mensch seinen Willen anstrengte, konnte er eine Blume rasch in die Höhe schiessen lassen, eine Fähigkeit, die heute nur noch durch eine abnorme Entwickelungsprozedur zu erreichen ist. Daher war damals die ganze natürliche Umgebung abhängig davon, wie der Wille des Menschen beschaffen war." (GA 104, 23.06.1908)
 
 

Die Menschheit wird wieder einmal solche Fähigkeiten haben und bewusst mit ihnen umgehen können. Bis dahin werden wir uns allerdings mit unseren geringeren Begabungen abmühen müssen. Wichtig ist aber eine Zielvorgabe für den Umgang mit den Pflanzen. Eine erste, weittragende Hilfe sind die Vorträge Rudolf Steiners für eine geistgemässe Landwirtschaft und die damit verbundene Anwendung der pflanzlich-tierischen Präparate.
Vorläufig dürfen wir uns an früher vollbrachten Leistungen freuen, auch wenn sie "nur" noch als "pflanzliche Denkmäler" in unserem Garten stehen.