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Textarchiv Schulgarten
Kyoto - ein Hort japanischer KulturVergänglichkeit und Kontinuität in Nipponus. Kyoto, im Dezember Bei Technologie und Reichtumsakkumulation hat sich Japan in den letzten vier Jahrzehnten an die Weltspitze katapultiert und dafür manche Traditionen über Bord geworfen. Doch die Modernisierung hat stets auch ihre klaren Grenzen gehabt. Es lässt sich kaum ein angemessenerer Ort finden als die alte Kaiserstadt Kyoto, um über das, was in Japan Beständigkeit hat, und das, was vergänglich ist, nachzudenken. Japans zentralistischer Staatsaufbau gestattet den Gemeinden und Präfekturen nur sehr geringe politische Bewegungsfreiheit. So muss auch Kyoto, das von 794 bis 1868 während über tausend Jahren Japans Hauptstadt war, seit dem Transfer des Regierungssitzes unter dem Meiji- Tenno nach Tokio eine politisch marginale Existenz fristen. Zusammen mit dem fünfzig Kilometer entfernten Osaka und Kobe ist die alte Kaiserstadt heute eines der Zentren der Keihanshin-Industriezone, Japans zweitwichtigster Industrieagglomeration. Im Zentrum die LeereAls ein Hort japanischer Kultur und des Buddhismus geniesst Kyoto auch heute die tiefe Zuneigung der Japaner. Mindestens einmal im Leben muss man die Stadt besuchen. Die vier Jahreszeiten, die man in weiten Teilen des asiatischen Kontinents vermisst, besitzen in Japan einen ganz eigentümlichen Reiz, der durch die Naturverbundenheit des Shintoismus noch akzentuiert wird. Wahrhaft aussergewöhnlich ist in Kyoto der Herbst, wenn die filigranen Kronen goldgelber Ginkobäume und ocker bis blutrot eingefärbter japanischer Eichen den Herbst nicht der Trübnis anheimfallen, sondern in einer frühlingsblütenhaft anmutenden Pracht kulminieren lassen. Kyotos Anspruch, während mehr als tausend Jahren Japans Hauptstadt gewesen zu sein, ist mit etlichen Vorbehalten zu versehen. Nicht nur entbehrte das Inselreich während langer Zeiten einer glaubhaften Zentralgewalt, das politische Entscheidungszentrum wurde auch mehrmals von Kyoto in andere Städte verlegt. So transferierte das Schogunat der Tokugawa die De-facto-Kapitale nach Edo, dem heutigen Tokio. Kyoto wurde mehrmals das Opfer von Naturkatastrophen und von menschlicher Zerstörungswut. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war die Heimsuchung so gewaltig, dass der heilige Franz Xaver, der die christliche Mission auf der südjapanischen Insel Kyushu lanciert hatte, bei seinem Besuch in Kyoto vergeblich nach dem Kaiserhof gesucht haben soll. Die Kaiser mögen in Kyoto residiert haben, doch die reale Macht im Lande siedelte sich die meiste Zeit in anderen Lokalitäten an. Man erinnert sich eines Gesprächs zwischen zwei österreichischen Geschäftsleuten in Tokio, in dem der eine seinem offenbar zum ersten Mal in Japan weilenden Kollegen erklärte, dass «der Kaiserpalast in Tokio im Vergleich zu dem unsrigen ein bescheidenes Anwesen ist». In der Tat sind in Tokio wie auch bei der Kaiserresidenz in Kyoto vom Vorbeigehenden keine Prunkgebäude zu sehen, die sich mit der Hofburg oder dem Louvre messen liessen. Vielmehr gewinnt man vor der baumbestandenen Weite des von einem Wassergraben umgebenen Palastbezirks in der Kapitale den Eindruck, als herrsche im formalen Zentrum des japanischen Staats Leere. Dieser Eindruck wird beim Besuch der Palastanlagen in Kyoto bestätigt. Die weitläufigen, von bestechend klaren Linien geprägten Gebäude huldigen einer Ästhetik, die wie die Gartenkunst des Zen-Buddhismus den Blick in die Leere öffnet. Im baulichen Ausdruck scheint sich der Staatsaufbau zu reflektieren, in dem während der letzten 13 Jahrhunderte die kaiserliche Existenz sich für die Untertanen wie das politische System als den irdischen Realitäten enthoben präsentierte. Symbolik und an Finesse nicht zu überbietendes Ritual, nicht reale Machtausübung bestimmen auch heute die Funktion des japanischen Kaisertums. Schogun und SamuraiSpürbar und handfest waren für die Menschen die jahrhundertelangen Rivalenkämpfe zwischen Feudalherren und marodierenden Kriegern, die unablässigen Auseinandersetzungen um den Einfluss am Hofe, in dessen Schatten man die eigenen Imperien aufbauen konnte. Die Macht, nicht nur zu besteuern, sondern auch Schutzgelder zu erpressen, fiel den Cliquen zu, die sich in Kyotos kaiserlicher Intrigenwelt am besten durchzusetzen und, wann immer nötig, ihren Machtanspruch draussen in Stadt und Land mit Waffengewalt am wirksamsten zu untermauern wussten. Während einer besonders zerstörerischen Phase solcher Rivalenkämpfe, im Omin-Krieg in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wurde Kyoto dem Erdboden gleichgemacht. Die Stadt sollte sich jedoch auch von diesem Schlag erholen. Die historische Bausubstanz, die, da Kyoto im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung des der Stadt wohlgesinnten amerikanischen Kriegsministers Henry Stimson von den Flächenbombardements ausgenommen wurde, in einer für japanische Grossstädte aussergewöhnlichen Fülle erhalten blieb, datiert kaum über das 17. Jahrhundert zurück. Die engen und niedrigen Strassenfassaden der alten Häuser erinnern an die bösen Zeiten, als es angesichts geldgieriger Obrigkeiten, plündernder Mönche und Soldatesken, die Recht und Gesetz ihrer Waffengewalt unterwarfen, weise war, seinen Reichtum nicht öffentlich zur Schau zu stellen. Die Zeiten des Schogun und der Samurai liegen in einer fernen Vergangenheit. Dennoch lassen sich aus ihnen wichtige Einblicke in die Politik des heutigen Japan gewinnen. Die langjährige Regierungspartei, die Liberal-Demokratische Partei (LDP), hat wenig gemein mit dem, was in Europa oder Nordamerika unter liberaldemokratisch verstanden wird. Auch sind ihre Machtstrukturen und Entscheidungsmechanismen deutlich verschieden von westlichen Parteiorganisationen. Der Schatten ChinasIm wesentlichen ist die LDP an ihrer Spitze eine Ansammlung von Samurai mit ihren eigenen Gefolgschaften. Die parteiinternen Fraktionen, deren Stärke darüber entscheidet, wem schliesslich das Schogunat oder, in zeitgemässeren Worten, der Parteivorsitz und in der Regel das Premierministeramt zufällt, bekämpfen sich aufs bitterste. Absplitterungen von der LDP sind häufig, und nicht selten kehren Dissidente, wenn sie von der Abseitsstellung in der Politik ausserhalb der LDP genug haben, wieder in deren Ränge zurück. Nicht einmal vordergründig spielen bei diesen Schachbewegungen und Grabenkämpfen programmatische Aussagen eine Rolle. Alles dreht sich um Macht, Pfründen und Geld, mit denen die Klientelen bei der Stange gehalten werden können. Wer da auch nur kurzzeitig nachlässt, ist, wie die rasche Abfolge von Premierministern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt, schnell vom Fenster weg. Als besonders farbiger moderner Schogun bleibt manchen der über einen Bestechungsskandal gestürzte Kakuei Tanaka in Erinnerung, der 1972 bis 1974 Premierminister war. Kyotos Gründung erfolgte nach dem Vorbild der Kapitale der chinesischen Tang-Dynastie, des heutigen Xian. Bis in unsere Tage hat sich die quadratische Anlage des Strassennetzes erhalten. Auch die Wahl der Lage gegenüber den umliegenden Hügelzügen berücksichtigte Prinzipien des chinesischen Fengshui. Selbst in der japanischsten aller Städte lässt sich der Schatten Chinas nicht vermeiden. In Gesprächen über den Buddhismus ist hier viel häufiger die Rede von Indien, als man dies von ähnlichen Unterhaltungen in Hongkong oder China in Erinnerung hat. Während der Buddhismus von Indien direkt nach China kam, verlief seine Überführung nach Japan vom vierten nachchristlichen Jahrhundert an vorerst sporadisch über Korea und danach über China. Offensichtlich gilt auch im kulturellen Bereich, dass gegenüber den unmittelbaren Nachbarn mit Vorliebe Vorurteile und Distanz gepflegt werden. Wenig Freunde schafft man sich in Japan, wenn man allzu deutlich auf der Abhängigkeit der kulturellen Entwicklung Japans von China und Korea insistiert. Jene, die dank Sachverstand oder kosmopolitischer Einstellung bereit sind, die fundamentale Bedeutung Chinas und Koreas anzuerkennen, pflegen zu argumentieren, dass Japan das Eingeführte verbessert und verfeinert habe. Dies gelte von der Religion über die Kunst bis, diesmal aus dem Westen übernommen, zur technologischen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Beim Gang durch die Palastanlagen in Kyoto gehen einem wiederholt Eindrücke aus chinesischen Kaiserstädten durch den Kopf. Beeindruckt in Pekings Verbotener Stadt die Opulenz der Farben, so besticht in Kyoto die Eleganz der grau- schwarz-weissen Kontraste. Folgt man der Logik des Arguments, laut dem Japan verbessert hat, was immer aus dem Ausland übernommen wurde, so gab es in der Tat für die japanischen Architekten keine andere Wahl, als in der Klarheit der Linien die chinesische Ästhetik an Raffinement zu überbieten. Mit der Farbenorgie chinesischer Paläste und Tempel konnte man es nicht aufnehmen. Schönheit und WahnsinnZu den Rätseln, mit denen Auswärtige in Japan immer wieder konfrontiert werden, gehört die Frage, wie ein Volk, das so ausgeprägt der Höflichkeit, Form und zwischenmenschlichen Distanz huldigt, in gewissen Situationen ins exakte Gegenteil verfällt. Während man im Alltag sich beständig der komplexen Regeln der Gesichtswahrung bewusst zu sein hat, kommt es im Parlament zuweilen vor laufender Kamera zu deftigen Handgemengen. Die Krieger und Feudalherren, die sich in endlosen Querelen die Köpfe einschlugen, pflegten sich in Gärten von exquisiter Stille und vollendeter Ästhetik zu erquicken oder sich in monastischer Einsamkeit zur Ruhe zu setzen. Das Schicksal von Kyotos goldenem Pavillon symbolisiert diese Gegensätzlichkeit von Esoterik und Brutalität, von beinahe übermenschlicher Schönheit und blindem Zerstörungstrieb. Der ursprüngliche Tempel wurde vor 500 Jahren erbaut und gilt als ausserordentliches Beispiel buddhistischer Gartenarchitektur. 1950 wurde er von einem geistig gestörten Schüler des Zen-Buddhismus niedergebrannt. Der Akt eines deformierten Menschen, der sich am Zeugnis perfekter Schönheit für seine eigene Hässlichkeit rächen wollte, hat dem grossen japanischen Autor Yukio Mishima den Stoff zu einem seiner bemerkenswertesten Romane geliefert. Mit japanischer Präzision wurde der Tempel in alter Schönheit wieder aufgebaut. Im goldenen Herbstlicht übt der glänzende Pavillon jene verführerische Attraktion aus, welche die Wahnsinnstat provoziert haben mag. Kyoto ruft dem auswärtigen Besucher die tiefgründigen Identitäten Japans in Erinnerung, die aller Notwendigkeit zur technologischen, sozialen und wirtschaftlichen Innovation zum Trotz auch inskünftig unverändert bleiben werden. Neue Zürcher Zeitung, 12. Januar 2000 |
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