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Der chemische Notruf von Pflanzen

Im Unterschied zu Tieren können sich Pflanzen schädlichen Einflüssen nicht durch einen Ortswechsel entziehen. Schadorganismen müssen sie an ihrem Standort begegnen. Viele Pflanzen produzieren chemische Verbindungen, die sie für Insekten unattraktiv machen. Eine besonders ausgeklügelte Abwehr gegen Schadinsekten ist die Freisetzung von flüchtigen Verbindungen, die die natürlichen Feinde der lästigen Kostgänger anlocken. Bisher wurde angenommen, dass es sich bei diesem «chemischen Notruf» um einen allgemei-nen Abwehrmechanismus handelt. Dass dem nicht so ist, haben Wissenschafter beim Forschungsdienst des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums jetzt herausgefunden. Offenbar sind Tabak, Mais und Baumwolle in der Lage, «herauszufinden», wer gerade an ihren Blättern frisst. Die Erkennung scheint dabei so genau zu sein, dass sie sogar zwischen Arten derselben Gattung unterscheiden können.

Mit aufwendigen Messverfahren untersuchten die Forscher im Labor, welche flüchtigen Substanzen nach Befall durch Raupen der Eulenfalter Heliothis virescens und Heliothis zea produziert werden. Was sie dabei entdeckten, war auch für sie überraschend: Geschädigte Pflanzen geben über ihre Blätter Mischungen von bis zu acht flüchtigen Verbindungen ab, die für die jeweilige Falterart spezifisch sind. Diese werden von schmarotzenden Hautflüglerarten erkannt, die Gärtner und Landwirte als «Nützlinge» bezeichnen, da sie sich für die biologische Schädlings-bekämpfung eignen. Im Unterschied zu den Pflanzenschädlingen, die sich gut und gerne von mehreren Nutzpflanzen ernähren können, sind die «Nützlinge» oft Nahrungsspezialisten. So ist zum Beispiel die parasitierende Schlupfwespe Cardiochiles nigricesi auf H.-Virescens-Larven angewiesen. Die spezifische Duftspur zu befalle-nen Pflanzen ermöglicht es den Schlupfwespen-weibchen, ihre Eier gezielt in die zuvor betäubten Raupen dieser Eulenfalterart zu legen. Feldver-suche haben gezeigt, dass diese Erkennung auch im Freiland funktioniert

Nützlinge sind eine wichtige Massnahme im integrierten Pflanzenschutz und vor allem dann von Bedeutung, wenn Schadinsekten wie H. virerscens gegen handelsübliche Insektizide resistent sind. Durch ein besseres Verständnis der Dreiecksbeziehung Pflanze-Schädling- Nützling wollen die Forscher deren Anwendung fördern.

Daniel Dreermann

Quellen: bttp://sacs.cpes.peachnet.edu/ibpmrl/; Nature 393. 570-573 (1998).