|
|
|
|
||
|
|
Textarchiv Schulgarten
Hans Studerus Gedanken zum Gartenbau in der Oberstufe Vermehrung - Veredlung - Pflege Diese drei Begriffe können Thema sein in den Gartenbauepochen der 9. und 10. Klasse. Vermehrung Die Vermehrung hat bei Pflanze, Tier und Mensch einen überlebensnotwendigen Aspekt. Die Pflanze strebt jedes Jahr auf direktem Wege in den Zustand des Samenbildens. Es scheint, dass es für sie das Ziel überhaupt ist. Absterbende Pflanzen, z.B. Bäume, blühen und fruchten vor ihrem Tod oft überreich, so als wollten sie dadurch das Ueberleben ihrer Art sichern. Auch beim Tier nimmt das Brutgeschäft im Jahreslauf eine wichtige Stellung ein; oft benötigt es für die Aufzucht der Jungen das ganze Jahr oder mehr. Auch die Menschen scheinen einen mehr oder weniger bewussten Drang zu verspüren, ihr Geschlecht nicht aussterben zu lassen. So ist die Vermehrung ihrer Art für alle Lebewesen auch ein wichtiges Lebensthema. Samenentstehung und Ostergedanke Die Pflanzen vermehren sich durch Samen, das ist allgemein bekannt. Auch wissen wir, dass die Pflanzen sich ohne Samen vermehren können; die Erdbeere durch Ausläufer, die Dahlie durch Knollenteilung, oder indem man Pflanzenteile als sogenannte Stecklinge schneidet. Bei dieser zweiten, vegetativen Vermehrungsart wird auch immer kleineres Zellmaterial verwendet, bis hin zu der Methode der Gentechnologie. Man arbeitet dabei nur mit der Zellenvermehrung, der Mitose. Bei dieser Art der Vermehrung erhält man mit Sicherheit identische Pflanzen, in Form, Grösse und Farbe; diese Methoden führen auch schneller zu Ergebnissen, was für den wirtschaftlichen Aspekt gewisse Wichtigkeit hat. Für Staudengärtner ist bekannt: wenn man von einem Steckling wieder einen Steckling schneidet, von diesem wieder und dies öfters wiederholt, werden die Pflanzen immer schwächer und anfälliger. So muss nach einer bestimmten Zeit wieder bei einer Mutterpflanze begonnen werden, welche aus einem Samen gewachsen ist. Die aus einem Samen gewachsene Pflanze kann Tausende von Jahren überleben und dabei gesund bleiben. Der Grund dazu muss in der Samenbildung gesucht werden. Die über den Samen gewachsene Pflanze ist jedesmal etwas ganz Neues (z.B. neue Sorte bei jedem Apfelsämling).Dieser schöpferische Akt erinnert an den Osterimpuls. Bei dem komplizierten, aber erstaunlich gesetzmässigen Ablauf der Entstehung eines Samens (Meiose) muss wohl eine erneuernde Kraft dazustossen, welche den Grund dazu gibt, dass eine aus dem Samen gewachsene Pflanze überlebensfähiger wird. Im Gegensatz dazu steht die vegetativ vermehrte Pflanze, die eigentlich "nur" eine Kopie des Ausgangsmaterials ist. Im sprossenden Frühling haben wir ein Bild für das vegetative Wachstum, die vegetative Vermehrung. Im Ostergeschehen können wir das Neue in der Samenbildung ahnen. Same und Knolle Aus rundlichen, ovalen oder eiförmigen, kompakten Gebilden entsteht neues Leben. Es sind dies Eier, Samen, Knospen, Knollen, Zwiebeln u.s.w. Dennoch ist ein Unterschied zwischen generativem und vegetativem Ausgangsmaterial. Was unterscheidet den Samen von der Knolle, Zwiebel u.s.w.? Der Same ist hart, trocken und strukturiert. Knollen und ähnliches sind weich, wasserhaltig und massig. Der Same hat eine regelmässige, schöne Form, Knollen und ähnliches sind unförmig. Der Same kann lang gelagert werden, Knollen und ähnliches nicht. Der Samen muss trocken gelagert werden, Knollen und ähnliches brauchen eine bestimmte Luftfeuchtigkeit. Samen brauchen weniger Lagerplatz Aus dem Samen keimt eine Pflanze, aus Knollen können mehrere wachsen (Kartoffel, Dahlien u.s.w.). Knollen und ähnliches ergeben schneller mehr Neupflanzen als Samen. Veredlung Sobald der Mensch in seiner Zeit nicht ganz vom Broterwerb eingenommen ist, zeigt er ein ursprüngliches Bedürfnis, in der Welt etwas zu verbessern, zu verschönern. Etwas Höheres in ihm strebt danach, die Welt und im besten Falle auch sich selbst vollkommen zu machen. Dieses Bedürfnis wird auch Veredlung genannt. Mit dem Worte edel verbindet man inhaltlich etwas höheres als "nur" gut, sofern man nicht aus Solidarität zum Gegenteil, was heutzutage eine gewisse Tendenz ist, diesen Begriff abflacht. Es ist eine pädagogisch sicher fruchtbare Sache mit den 10. Klässlern diesen Begriff etwas zu beleuchten, ja zu hinterfragen; was bedeutet eigentlich edel sein? Wie waren Edelleute im Mittelalter? Oder was ist Edelmut, was sind edle Metalle? War es eine Veredlungstat als die Menschen damals aus Wildtieren Haustiere machten, aus Wildpflanzen Kulturpflanzen züchteten? Man kann von der ästhetischen Seite her die Frage stellen: Was ist schöner: ein Wildrosenstrauch mit seinen hunderten von bescheidenen Blüten oder eine von weitem feuerrot leuchtende Edelrose? Oder was empfindet man beim Betrachten einer eben aufgeblühten Maréchal Niel ? (Sie soll eine der edelsten Rosenblüten besitzen). Man kommt schliesslich doch dazu zu akzeptieren, dass man mit diesem Wort "edel" einen besonderen Zustand benennen kann. Betrachten wir einen Garten voller leuchtender Blumen und denken wir uns jetzt alle Pflanzen weg, welche der Mensch durch Züchten und Veredeln selber geschaffen hat - blass und eintönig würde er uns erscheinen. Und obwohl der Mensch bei diesem Züchten und Veredeln oft zu weit geht - welchen Sinn soll das Züchten einer schwarzen Rose haben - (was übrigens immer noch angestrebt wird zu erreichen), ist es doch pädagogisch sinnvoll, dass der Drang des "die Welt verschönern und veredeln wollens" gepflegt wird. In der nachsommerlichen Zeit in der das michaelische Motiv besonders waltet, können wir uns mit dem Begriff ""edel" besonders verbinden. Das Geschehen, in dem St. Michael den Drachen besiegt, gilt für den Menschen innerlich: Der Mensch kann sein "Unkultiviertes" in sich kultivieren, veredlen. Pflegen Der Hochstamm-Obstbaum mit seinem Stamm, der Stammverlängerung und seinen 3 -4 Leitästen ist eine ausgesprochene, vom Menschen geschaffene Kulturpflanze. In der Natur findet man diese Form bei den wilden Obstarten nicht, dort wachsen sie, als Sträucher oder Halbbäume (baumartig mit mehreren Stämmen.) Der eingangs erwähnte Obstbaum kann hundert und mehr Jahre gesunde Früchte tragen, sofern man durch jährliches Schneiden seine Form erhält. Unterlässt man diese Pflege, fängt der Baum an durch das Wachsen langer Jahrestriebe aus Wurzel, Stamm und Krone wieder Strauch zu werden. Was man bei der Erziehung des Kindes, vor allem in den allerersten Jahren verpasst, kann man später nur schwer wieder nachholen. Dasselbe gilt auch für die Erziehung eines Hochstamm-Obstbaumes. Wenn nämlich ein solcher in den ersten Jahren nicht, oder falsch geschnitten wurde, ist es nachher auch bei bester Pflege nicht mehr möglich, die harmonische Baumform zu erreichen, welche man erzielen kann, bei regelmässigem und richtigem Schneiden vom ersten Jahr an. Schneidet man zum Beispiel einen bis zum 10. Jahr gut gepflegten Baum anschliessend einige Jahre nicht mehr, entsteht ein grösseres Durcheinander der Äste und Zweige als es bei einem Wildobst-Strauch ohne Pflege der Fall ist. Der Grund ist wohl der, dass der Baum in diesen 10 Jahren und vor allem in der ersten Zeit starke Eingriffe über sich ergehen lassen musste; Wurzelunterlage umpflanzen, Beschneiden, Edelreiser einpfropfen, eventuell Eintopfen, wieder Umpflanzen und immer wieder Schneiden. Dadurch verliert aber diese Pflanze ihre Eigenständigkeit, weil sie sich dem Willen und den Vorstellungen des "Pflegers" unterwerfen muss. Sie wird abhängig. Hört diese Pflege nun auf, reagiert die Pflanze hilflos, verstört. Bleibt die Pflege des Obstbaumes ganz aus, wachsen einige Äste mit der Zeit so in die Länge, dass sie beim Sturm, schwerem Schnee oder bei starkem Obstbehang herunterbrechen. Die oft grossen Wunden, die dabei entstehen, können meistens nicht, wie bei einem Waldbaum überwachsen werden, sie faulen zurück bis zum Stamm, höhlen diesen aus und lassen den Baum als Ruine langsam absterben. Die Kultivierungsarbeit beim Hochstamm-Obstbaum bedeutet eine oft über das Leben eines Menschen hinausgehende, dauernde Pflege, ansonsten verliert man dieses Kulturgut wieder. Indem der Mensch mit diesem gepflegten Obstbaum auch ein neues Wesen schafft, das nur durch ihn überleben kann, kann dabei das "Verantwortung-übernehmen" für das Leben dieses neuen Wesens besonders geübt werden. Man pflegt dann den Baum nicht nur, damit er möglichst lange und viel Ertrag abwirft, sondern auch deshalb, weil dieses neue Wesen das Recht auf ein Leben hat. Die Möglichkeit diese Fähigkeiten bewusster zu üben, haben wir Menschen seit dem Ereignis von Golgatha; es ist das "Mitleid-empfinden-können" für andere Wesen oder wie Rudolf Steiner es ausdrückt: die allgemeine Welt- und Menschenliebe. Wenn wir in diesem Sinne an das Pflegen von Erde, Pflanze, Tier und Mensch herangehen, wird die Natur und Kultur durch die Taten des Menschen immer schöner aufblühen. Wollen wir als Lehrer in diesem Sinne wirken, können wir versuchen, das angeborene Interesse der Schüler immer wieder zu fördern für die Dinge dieser Welt. Das sich Interessieren für diese Welt ist der Anfang dazu, durch Staunen die Welt zu achten, das heisst auch gerne zu haben. Und im Sinne von J. G. Fichte: - was man liebt, das pflegt man - kann diese Fähigkeit in den Schülern immer mehr erwachen. Hans Studerus ist Gartenbaulehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Schafisheim (CH) |
|
||
|
|
|
|
||