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NZZ  30.5.98

Opulente Kreuzung von Natur und Kultur
Pfingstgsrosen - ein Rausch von Farben im Frühlingsgarten

Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geraten, man hat sie für zu pflegeintensiv und für zu aufwendig erachtet, was sie nicht sind. Nun aber ist eine Art Päonien-Boom zu beobachten. Eines der letzten Jahre wurde gar - von wem auch immer - zum Jahr der Pfingstrosen gekürt, was letztlich auch nicht düm-mer ist als all die anderen derartigen Proklamatio-nen. Alles in allem ist klar: Die Päonien sind wie-der in den Mittelpunkt des Gartens gerückt, ihre barocke Üeppigkeit wird wieder geschätzt. Neben ihrer fülligen Blütenpracht erscheinen «Designer-blumen» wie Gerbera und Tulpen schmächtig und kränklich.

Von der Wildpflanze zur Heilpflanze...

Pfingstrosen haben indessen nicht nur eine auf-fällige Gegenwart, sie haben auch eine lange Ver-gangenheit, und ihre Verbreitung ist eindrücklich. In den insubrischen Regionen der oberitalieni-schen und Tessiner Seen wächst ihre mitteleuro-päische Wildforrn, Paeonia officinalist, die zu unseren einheimischen geschützten Pflanzen ge-hört. Sie wurde früher nicht nur im Garten, son-dern auch in der Kräuterheilkunde geschätzt. Ihren Namen verdankt die schon im Altertum be-kannte Päonie dem Arzt der griechischen Götter «Päon», der, wie man bei Homer liest, mit den Wurzeln der Pflanze den von Herakles verwunde-ten Pluto heilte.*

Die Pfingstrose in unseren Bauerngärten auch «Bueberose» genannt - ist vermutlich eine spätmittelalterliche Hybride, die von diesen Wildformen abstammt. Pfingstrosen gibt es von Nord-westafrika über Spanien, den nördlichen und öst-lichen Mittelmeerraum bis zum Kaukasus, in Zen-tralasien, im Himalaja und in Japan. Und selbst im Westen der Vereinigten Staaten finden sich zwei archaisch anmutende Wildformen. Die mei-sten dieser subalpinen Pflanzen stehen unter Schutz, nur wenige sind im Mandel erhältlich.

... und zur erfolgreichen Gartenpflanze

Im Laufe vieler Jahrhunderte ist es indessen ge-lungen, eine Vielfalt von neuen Züchtungen heranzubilden, die für Sammler und Liebhaber von Päonien ein unermesslich weites Feld eröff-net haben. Wie in so vielen Fällen waren es auch hier die Chinesen, die als erste die Kultivierung an die Hand nahmen. Schon um die letzte Jahr-tausendwende gab es eine entsprechende Fach-literatur, etwa den «Bericht über die Päonien von Loujang», geschrieben von einem hohen Beamten namens Ou-yang Hsiu (1007-1072). In China wurden grosse Päoniengärten angelegt, und die üppigen, gefüllten Blumen waren ein Lieblingsmotiv der Zeichner und Maler. Man schätzte in China die Nationalblume so sehr, dass Exemplare einzelner herausragender und rarer Sorten den Gegenwert von rund drei Kilogramm Gold erzielt haben sollen. In der Kulturrevolution hat man den Blumen kein Interesse mehr entgegengebracht, aber heute werden wieder viele Päonien angepflanzt und neue Sorten gezogen.

Vom chinesischen Festland aus erreichten die Päonien Japan. Dort hat man eigene Formen der Pfingstrosen herangezüchtet, die durch einfachere Blüten bestechen. Den fast schon wuchernden Petalen der gefüllten chinesischen Formen zog man auf dem Inselreich einfach blühende oder nur halbgefüllte Blumen vor.

Erst am Ende des 18. Jahrhunderts gelangte Päonien von China nach Europa. Bisher hatt man sich bei uns mit den roten Pfingstrosen Paeonia offizinalis - begnügen müssen. Sehr schnell kam nun die Äera der europäischen und  bald auch der amerikanischen Zuchterfolge. Viele der von den Züchtern Lemon, Dessert, Crousse Lemoine und Riviere herangebildeten Sorten sind noch heute im Handel. Ausgangspunkt waren anfänglich die chinesischen Formen der Paeonia lactiflora. Abbé Jean-Marie Delavay hat während verschiedener Aufenthalte in  China diverse Pflanzenarten, insbesondere Rhododendren, gesammelt, und er hat gewissermassen die Paeonia Iutea entdeckt. Victor Lemoine aus Nancy (1 823 - 1911) gelang es, verschiedene Wildformen einzukreuzen, insbesondere die erwähnte kräftig gelb blühende Paeonia lutea. Daraus entstandern dann vor allem in den Vereinigten Staaten die diversen Formen der Lutea-Hybriden. In den fünfziger Jahren gelang es dem Japaner Itoh erstmals, Strauchpäonien und Staudenpäonien mit einander zu kreuzen.

Stauden und Sträucher

Für den Gartenfreund ist der signifikanteste Unterschied der verschiedenen Pfingstrosen ,dass die einen Stauden bilden und die anderen einen Strauch. Aus dem Jargon der Botanik übersetzt heisst das, dass die einen jedes Jahr im Herbst absterben und aus unterirdischen Knospen neu aus treiben. Die anderen dagegen verholzen und sind auch im Winter zu sehen. Die Pracht der Blüte ist bei beiden ähnlich, aber die verholzenden Strauchpäonien haben einen zusätzlichen Reiz für den Gärtner: Schon an warmen Wintertagen beginnen die Knospen, die sich im Herbst gebildet haben, zu schwellen, und mit unnachahmlicher Eleganz entfalten sich im Frühjahr die ersten rot- gelben Zweige. Nun zeigt es. sich auch, ob und wie üppig die Pflanze blühen wird. Auf das Öeffnen  der Blüte muss man aber nochmals einige Wochen warten, bis Pfingsten, bis zum späten Frühjahr oder bis zum frühen Sommer.

Wenn Joseph von Eichendorff sein wunder-sam-romantisches Gedicht «Der alte Garten» mit den Versen beginnen lässt «Kaiserkron und Päonien so rot, / Die müssen verzaubert sein», so
können wir dem sehr wohl zustimmen, wenn es auch in unserem Garten nie vorkommen wird, dass die frühblühenden Fritillarien zur gleichen Zeit blühen wie die Pfingstrosen. Was die dichterische Freiheit mühelos zusammenbringt, haben in diesem Jahr allerdings einige heisse Frühlingstage fast geschafft. Die Strauchpäonien sind früh aufgeblüht, und ihre schweren Blüten hielten in der  sommerlichen Hitze nicht lang. Die späteren Sorten der Staudenpäonien stehen indessen auf Pfingsten hin in schönster Blüte.
 

Problemlose Kultur an guter Lage

Früher gehörten die Pfingstrosen botanisch zu der Grossfamilie der Hahnenfussgewächse; nach der Mitte unseres Jahrhunderts hat man sie einer eigenen Familie zugeordnet, den Paeoniaceae. Ihre Pflege ist einfacher, als man meint. Sie brau-chen nährstoffreichen, eher lehmigen Boden, wobei für einen guten Abfluss gesorgt werden muss. Und sie brauchen vor allem eine sonnige Lage.

Wir haben die Gärtnerei der Familie Riviere in Crest besucht, eine französische Traditionsfirma, die von der Schweiz aus gut erreichbar ist. 1849 wurde das Familienunternehmen in Lyon gegrün-det später musste es der sich ausdehnenden Stadt weichen, und schliesslich zog die Familie mit all ihren Päonien vor einigen Jahren ins Tal der Drome in die Nähe der Stadt Crest. Man verlässt die Autobahn bei der Ausfahrt Valence sud und fährt parallel zum Fluss Drome auf der D 93 gegen Crest Wenn man die mittelalterliche Turm-silouette der Stadt auf der Krete vor sich sieht,  dort, wo die neue TGV-Linie die Strasse kreuzt, die Gärtnerei. Während der Blüte der Pfingstrosen verwandeln sich hier ganze Felder in ein Meer von Blumen.

Dennoch ist das Sortiment nicht immer voll-ständig lieferbar, denn Päonien werden durch Okulieren vermehrt, wobei die Strauchpäonien auf die robusteren Wurzelstöcke von Staudenpäonien -gepfropft werden. Im eigenen Garten kann man die Pfingstrosen auch durch die Teilung alter Horste vermehren, was jedoch seine Zeit in An-spruch nimmt, da sich die Pflanzen recht langsam entwickeln: Es braucht Zeit, bis man üppig blü-hende Stauden erhält, aber es lohnt sich mit Sicherheit, der Pflanze diese Zeit zu lassen.

Heute sind die Päonien in verschiedenen Staudengärtnereien erhältlich, einzelne sogar manchmal bei Grossverteilern und Discountern. Wer aber ganz bestimmte Sorten will, muss den Katalog einer Spezialfirma anfordern. Auf Inter-net findet der Sammler unter «Peony» eine aus-gedehnte Diskussion zum Thema, die Adresse der einschlägigen Gesellschaft und die Kataloge ein-zelner Firmen, die es erlauben, Päonien beispiels-weise auch in Neuseeland zu bestellen.

Der Päoniengarten in Wädenswil

 In Wädenswil, am linken Ufer des Zürich-sees, ist im letzten Sommer ein neuangelegter Päoniengarten eröffnet worden. Recht hoch über dem See, an sonniger Lage, gegen Osten etwas durch ein Gehölz geschützt, wird hier eine sehr schöne Auswahl der verschiedensten Pfingstrosen gezeigt. Der Garten gehört zum Areal der Inge-nieurschule Wädenswil. Die etwa 250 Päonien geben einen guten Üeberblick, da repräsentative Sorten aus Europa, China, Japan und den USA je in Gruppen beieinanderstehen. Daneben haben auch die Wildarten ihren Standort und eine Reihe von Itoh-Hybriden. Der kleine gepflegte Garten ist nach der geographischen Herkunft der Pflanzen gekammert, und passende Begleitpflanzen geben ein Beispiel, wie man eine Grünanlage mit Päo-nien gestaltet. Obwohl die Päoniensammlung erst vor einem Jahr eröffnet worden ist, haben die Pflanzen in diesem Jahr bereits reichlich Blüten angesetzt.
 
 

Andreas Honegger

Fachgesellschaft:: American Peony Society, 250 Interlachen Road. Hopkins, MN 55343, USA.

BezugsqueIlen: Ets Horticoles Rivière. «La Plaine», F-26400 Crest, einzelne Staudengärtnereien und Gartententer. Ein Bezugsuellennachweis für die Schweiz bietet der Garten-Center-Fachverband, Sekretariat ESG, 4614 Hägendorf.

 Literatur zum Thema: Michel Riviere.. Prachtvolle Päonien.

Von Walter Good an der Ingenieurschule Wädenswil herausgegeben: Welt der Päonien.