Bizarre Duftkünstler aus dem südlichen Afrika
Duftpelargonien erleben eine Renaissance
Wie die seit Jahrzehnten beliebten, in allen Rottönen aus Kübeln
und Blumenkistchen funkelnden Züchtungen gehören auch die Wildarten
der Pelargonien zu den Geraniengewächsen und werden deshalb meist
mit ihrem populären Namen Geranien genannt. Sie stammen ursprünglich
aus der Kapregion an der Südspitze Afrikas, wo die Gattung
Pelargonium mit rund dreihundert Arten ihren Verbreitungsschwerpunkt
hat. Ihren vom griechischen Wort «pelargos» - zu Deutsch Storch -
abgeleiteten Namen verdanken sie den eleganten Früchten, deren Form
einem langen Schnabel gleicht. Pflanzenliebhaber, welche die
Kaphalbinsel besuchten und auf ausgedehnten Wanderungen erkundeten,
berichten, dass die meisten Pelargonien in sandigen, äusserst
nährstoffarmen Böden wachsen und deshalb hervorragend an die sehr
trockenen Sommer angepasst sind. Sogar mit den dort häufigen Feuern
leben die Pflanzen im Einklang, schlagen sie doch nach einem Brand
aus ihren schwarzen, aber noch lebenden Stümpfen wieder aus und
blühen danach besonders reich. Die Wildpelargonien trotzen den
kargen Lebensbedingungen wie brütender Hitze, steinigem Untergrund,
salzigen Küstenwinden und heftigen Winterregen mit Gelassenheit und
zeigen sich als zwergwüchsige Stauden, grössere und kleinere
Sträucher oder auch als Sukkulenten in der Namib-Küstenwüste
zwischen Angola und der Kapprovinz.
Die Entdeckung der Wildpelargonien im 17. Jahrhundert ist
eng mit der holländischen Ostindischen Kompanie verbunden, die im
Jahr 1652 einen Stützpunkt in der Tafelbucht anlegte, der aus einem
Fort und einem Garten bestand. Daraus entwickelte sich später die
Siedlung Kapstadt. Die Pflanzenimporte nach Europa erfolgten also
unter holländischer Flagge, obwohl es meist deutsche Pflanzensammler
waren, die in der Tafelbucht an Land gingen und nach botanischen
Kostbarkeiten Ausschau hielten. Unter der für den Botanischen Garten
Leiden bestimmten Pflanzensendung des deutschen Arztes Paul Hermann
befanden sich 1679 auch Pelargonienartenwie das kriechende
P. myrrhifolium und P. gibbosum mit seinem sparrigen
Wuchs. Zur wichtigsten Ausgangsform unserer auf den Fenstersimsen
von Stadthäusern, Landvillen und Bauernhöfen unübersehbaren
Geranienzüchtungen wurde Pelargonium zonale, das sogar als Wildform
das ganze Jahr über blüht und bereits 1720 als Sorte mit
zweifarbenen Blättern bekannt war. Dank schnellen Züchtungserfolgen
entstand im 19. Jahrhundert eine grosse Zahl von Sorten, welche
den Geranien später den Ruf von Wegwerfpflanzen für Provinzler und
Ewiggestrige einbrachte.
Seit einiger Zeit erleben besonders die Wildarten und die ihnen
nahestehenden Duftpelargonien eine Renaissance als eigenwillige
Kübelpflanzen für Liebhaber. Der englische Gärtnerund
Forschungsreisende Francis Masson entdeckte 1774 im Auftrag des
Botanischen Gartens von Kew die beiden Duftarten P. graveolens
und P. radens, die am südlichen und östlichen Kap an
versteckten Stellen wachsen und auf höhere Luftfeuchtigkeit
angewiesen sind. Die niedrigenSträucher mit ihren tief
eingeschnittenen, gelbgrünen Blättern verströmen den bekannten,
zitronenartigen Duft. Zur Herstellung von Geranienölwerden sie, etwa
auf der Insel La Réunion, feldmässig angebaut. Die vergleichsweise
grossen,zartlilafarbenen Blüten von Pelargonium graveolens
erscheinen allerdings nur nach kühlen Perioden ununterbrochen vom
Frühsommer bis zum Herbst.
Das beliebte Pelargonium fragrans ist eine um 1800 in London
entstandene Züchtung mit weichen graugrünen Blättern und kleinen
weissen Blüten. Dank dem Anisgeruch seiner Blätter und der hübschen
kompakten Gestalt hat sich das Sträuchlein auch heute wieder einen
Platz vor Hauseingängen, bei Sitzplätzen und auf Terrassen erobert.
Einen leicht süsslichen Duft verströmt hingegen
P. odoratissimum, während P. mutans nach frisch gemahlenem
Pfeffer riecht. Die Schönheit der duftenden Pelargonien zeigt sich
indes nicht nur in der warmen Jahreszeit, auch während des Winters
entfalten sie ihren Charme im Blumenfenster bei Temperaturen um zehn
Grad. Streift man mit den Händen über ihre Blätter, lösen sich die
flüchtigen ätherischen Öle, dieunsere Lebensgeister wecken und wie
eine Dufttherapie zum Wohlbefinden beitragen.
Die zu den Kontaktduftern gehörenden Pelargonien tragen auf der
Blatt- oder Stengeloberfläche Drüsenhaare, die ätherische Öle
enthalten.Durch Berührung oder intensive Sonneneinstrahlung werden
diese Haarbehälter aufgebrochen, und die Öle verströmen ihren
charakteristischen Duft. Geraniumöle gehören zu den wichtigsten in
der Parfumindustrie eingesetzten Naturprodukten. Weltweit wird die
Erzeugung von Geraniumölen auf 240 bis 280 Tonnen geschätzt. Je nach
Herkunft und Qualität kostet ein Kilogramm Öl zwischen hundert und
zweihundert Franken. Um die begehrte Substanz zu gewinnen, erhitzt
man die frisch geschnittenen Pelargoniumblätter und -stengel
zusammen mit Wasser in einem Kessel. Anschliessend wird das
Dampfgemisch im Kühler eines Destillators kondensiert, wobei das in
Wasser unlösliche ätherische Öl obenauf schwimmt und so leicht
abgetrennt werden kann. Dank Wasserdampfdestillation kann das
ätherische Öl bei mässiger Temperatur in konzentrierter Form
gewonnen werden. Besonders begehrt für die Parfumherstellung sind
die Geraniumöle aus La Réunion, die sich durch einen rosenartigen
Geruch mit leicht säuerlicher Fruchtnote auszeichnen.
Duftpelargonien lassen sich gut aus Stecklingen in mit Sand und
Torf vermischter Gartenerde heranziehen. Man hält sie mässig feucht,
giesst in der winterlichen Ruhephase jedoch nur sparsam. Etwa alle
zwei Jahre werden sie im Frühjahr umgepflanzt und kräftig
zurückgeschnitten. Besonders gut eignen sich Duftpelargonien, die im
Kübel eine stattliche Grösse erreichen können, als
Wintergartenpflanzen.
Suzanne Kappeler
Eine grosse Auswahl an
Duftpelargonien führt das Garten- Center Bacher in Langnau am Albis,
in dessen Glashäusern auch eine beeindruckende Anzahl von
Mutterpflanzen zu bewundert ist.