Bezirksanzeiger FORUM

Freitag, 28. Januar 2000

Marianne Rutschmann-Schönholzer, Mettmenstetten

Der Weg ist das Ziel

Einige Gedanken zum «Tag, der Handarbeit».

Als ich die sehr guten Artikel im «Anzeiger» zum kantonalen «Tag der Handarbeit» las, war ich recht erstaunt. Kann es sein, dass man Sinn und Zweck der Handarbeit in Frage stellt? Vor gut 100 Jahren hat man aus Erkenntnis und Einsicht praktisch gelagerte Fächer wie Werken, Handarbeit und Hauswirtschaft erst eingeführt. Aus welchen Überlegungen kommt eine Bildungsdirektion bloss auf den Gedanken, Bewährtes wieder zu streichen? Wissen die Schulreformer überhaupt, worum es geht in der Erziehung? Ist ihnen bewusst, welche Verantwortung für die Zukunft in ihren Händen liegt?

Kinder sind keine Ware, die man nach Angebot und Nachfrage manipulieren darfl. Eine höhere Dimension des Auftrages Erziehung muss die, Grundlage des Handelns sein und darf auf allen Ebenen des Menschseins wahrgenommen werden. So ist ein Tag der Handarbeit gewidmet, eine sinnvolle Aktion, dieses Unterrichtsfach in seiner ganzen Vielgestaltigkeit der Öffentlichkeit wieder ins Bewusstsein zu rücken.

Sicher ist es wieder einmal Zeit, Altes zu überdenken und damit eine Schulreform einzuleiten. Doch scheint es unverständlich, dass in einer Zeit, in der auf verschiedenen Ebenen ein Bewusstsein für Ganzheit erwacht ist, die Schulung unserer Kinder in eine Entwicklung zur Einseitigkeit abgleiten soll.

Dürfen wir es verantworten, der Zürcher Bildungsdirektion unser Vertrauen weiterhin zu schenken? Wohin führen deren Lehrplanziele? Sollen unsere Kinder zu lauter «Kopf-Füsslern» gezüchtet werden? Den Kopf voller intellektueller Fakten und virtueller Beweglichkeit, die Glieder trainiert zum sportlichen Erfolg? Wo bleibt da die Mitte, die Menschlichkeit, die Persönlichkeitsentwicklung, das Soziale, die Gefühlswelt? Ist es das einzige Ziel für die Zukunft, Menschen für die Wirtschaft zu erziehen? In einer Welt, in der das Angebot virtueller Betätigung (Computerspiele, Internet, Fernsehen usw.) immer grösser wird, verlieren unsere Kinder die Beziehung, die Begegnung mit der realen, handfesten Welt. Sie können sieh nur noch selten selber erfahren. Alles spielt sich im Geist ab. Die Realität wird immer fremder, wenn wir als Eltern und Erzieher nicht wach werden.

Unsere Sinne können wir nun mal nicht am Fernseher schulen. Ob das Feuer heiss oder kalt ist, müssen wir am eigenen Leib erfahren. Ob das Holz wie Glas zerspringt, wenn es fällt, hinterlässt einen anderen Eindruck, wenn wir es selbst erlebt haben. Dass unsere Kinder auch aus eigener Kraft und etwas Willenseinsatz zum Beispiel aus Schafwolle einen festen Ball filzen können, lässt doch das persönliche Selbstwertgefühl erwärmen und erstarken: das Gefühl «ich bin jemand» -«ich kann etwas». Viele kleine Erfolgserlebnisse lassen eine innere Sicherheit, den Mut zu sich selber entwickeln, Zufriedenheit und Lebensfreude erwecken.

Wie viele Jugendliche stellen sich heute die ernsthafte Frage nach dem Sinn des Daseins. Sie stehen vor einer inneren Leere. Um noch etwas Reiz vom Leben zu erspüren, ist der Vandalismus oder der Schritt zu den Drogen sehr naheliegend. Sind die bösen, schlechten Jugendlichen daran schuld? Oder vielleicht wir als Eltern, Erzieher oder als Gesellschaft?

Wo wir unseren heranwachsenden jungen Menschen immer mehr Möglichkeiten nehmen, ihre Sinneserfahrungen am eigenen Leib zu machen, sich selber zu erfahren an der Realität der Welt, dürfen wir uns ob dem «unerklärlichen» Verhalten unseres Kindes und Jugendlichen nicht wundern oder gar ärgern. W i r tragen die Verantwortung für die sinnvolle, ganzheitliche Entwicklung der jungen Menschen von Morgen!

Wird die Handarbeit aus dem Unterrichtsplan gestrichen, fallen sehr viele Qualitäten von persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten damit aus dem Erziehungsprogramm. Statt gestrichen zu werden, müsste der Fachbereich der praktischen Arbeit ausgebaut werden -zu einem ausgewogenen Verhältnis den kopflastigen Unterrichtsfächern gegenüber. Denn nicht das Endprodukt des praktischen Unterrichts ist das Ziel, sondern: «Der Weg ist das Ziel».

Was zum Beispiel während des Flechtens eines Korbes gefordert wird, ist weit mehr als das blosse Beherrschen einer Technik. Es sind da Elemente gefordert wie Konzentration, Formgefühl, Rhythmus, Zuverlässigkeit, Fingerspitzengeschicklichkeit, Überblick über das Ganze, Durchhaltewillen und vieles mehr. Sind das nicht Lebensfähigkeiten, die wir im grauen Alltag so bitter nötig hätten? Unser Leben besteht ja nicht nur aus Business und Management, sondern auch aus dem Alltag, dem Leben dazwischen. Wie sollen wir das meistern, wenn wir uns darin nie geübt und gestärkt haben?

In kleinen Schritten, aber steter Kontinuität arbeiten unsere Kinder im

handwerklich-praktischen Unterricht an den unscheinbaren, aber elementaren Fähigkeiten zwischen Intellekt und körperlicher Leistung - an der Stärkung der persönlichen Kräfte, der Kräfte der Mitte, am Selbstwertgefühl. Bleiben wir wach, verfolgen die Entwicklung der so genannten SchulreI*orin und wehren uns bei gegebener Zeit zum Wohl einer ganzheitlichen Schulung unserer Kinder!