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Textarchiv Schulgarten
Peter Lange Der Mensch hat ganz konkrete Beziehungen zu einzelnen Pflanzen. Er baut sie an, pflegt, erntet und verarbeitet sie. Sie geben ihm Nahrung, Behausung, Bekleidung. Diese Pflanzen sind Kulturpflanzen. Sie sind aus dem Naturzusammenhang herausgelöst, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden mit dem Menschen verbunden. Im mitteleuropäischen Raum bewegen wir uns durch eine vom Menschen gestaltete Kulturpflanzenlandschaft. Diese Art Landschaft wird, je mehr der Mensch in die Natur eingreift, immer grösser. Eine andere Qualität findet sich dort, wo ein direkter Eingriff des Menschen nicht oder nur in grösseren Zeiträumen stattfindet. An solchen Orten entsteht eine Pflanzen- und Tiergesellschaft, welche sich dem Klima und dem Standort gemäss entwickelt. Gerne bewegt man sich als Wanderer oder Spaziergänger durch solche Kultur- oder Naturlandschaften. Je nach Interesse und Offenheit des Durchgehenden spricht diese Welt. Der Käferfreund wird, weil sein Auge geschult ist, viele Vertreter dieser Gattung erkennen. Der Vogelkundler auf Vogelstimmen hören, der Steinliebhaber einen schweren Rucksack bekommen. Man kann mit vielen Sehweisen durch die Natur gehen. Es soll nun versucht werden, auf eine unbewusst viel, bewusst aber wenig gebrauchte ?Sehweise? einzugehen. Wer kennt das nicht: Auf einer Wanderung oder einem Spaziergang kommt man an einem Ort vorbei, der einem mit einer ganz besonderen Stimmung umfängt. Man fühlt sich wohl, möchte gerne dortbleiben, sich ausstrecken, den Ort genauer kennenlernen, zeichnen, fotografieren, filmen, sich mit ihm verbinden, eine intensive Beziehung aufnehmen. Kinder möchten dort gerne spielen. Ein solcher Platz kann gross sein, ein ganzes Tal, einen Abhang, eine Landschaft umfassen, kann aber auch ganz klein sein, einen Stein, etwas Moos, wenige Pflanzen umfassen. Kurz, ein Ort, an welchem man mit der Seele ganz gross werden kann ohne Angst, sich dabei zu verwunden. Aber auch gegenteilige Wahrnehmungen sind möglich: Orte, welche man lieber meidet, hinter sich bringt, schnell verlässt. Werden solche Wahrnehmungen vermehrt bewusst gemacht, eröffnet sich eine vielfältige und reiche Welt. Geht man mit der Seele durch die Landschaft, beginnen Steine, Pflanzen, Tiere neu zu sprechen. Allerdings eine Sprache, die uns fremd ist, an welcher wir merken, dass wir noch viel lernen müssen, um sie zu verstehen. Es ist die Sprache des zukünftigen Verhältnisses der Menschheit zur Natur. In ihr müssen die grundliegenden Vokabeln gelernt werden. Wo vorher eine bestimmte Pflanze, ein Stein oder eine Landschaftsformung wichtig war, können dem Beobachter nun Zusammenklänge entgegenkommen. Ein solcher entsteht aus der Gegebenheit - Blumen, Wasser, ein Lufthauch, ein schwirrendes Insekt - nicht mehr Einzelteile, sondern eine Gesamtheit, welche mehr ist als die Summe ihrer Glieder. Solche Erlebnisse, im Grossen, wie im Kleinen, können den Betrachter zutiefst berühren. Will er darauf antworten, sich tiefer verbinden, es festhalten, muss er eine Form finden, die ihn und das Erlebnis über den Naturzusammenhang erhebt. Er wird zum Künstler. Unter den vielen künstlerischen Möglichkeiten gibt gerade die kurze und strenge Versform des japanischen Haiku solche Momente in besonderer Dichtheit wieder. Ein Haiku kann nicht einfach gelesen werden. Er muss erfühlt, erlebt und nachgespürt werden. Einige Beispiele: Boot und Ufer sind beide vertieft ins Gespräch, langer Sommertag. Tanigusho Buson Der alte Teich. Ein Frosch springt hinein - das Geräusch des Wassers. Basho Der Pflaumenblütenzweig gibt seinen Duft dem, der ihn brach. Chiyo-ni Ein paar Worte zum Verständnis des Haiku: Er wird auf siebzehn Silben beschränkt, daneben sollen folgende Regeln beachtet werden: 1. Das Haiku soll, und sei es nur in Andeutung, einen Naturgegenstand erwähnen. 2. Er soll sich auf eine einmalige Situation beziehen. 3. Das Ereignis soll als gegenwärtig dargestellt sein und nicht als Vergangenheit berichtet sein. In dem Taschenbuch "Haiku" (1) beschreibt der Herausgeber Dietrich Krusche mit wenigen Worten das Wesen des Haiku - wir merken, wie nahe sich unser Erleben und künstlerischer Ausdruck kommen. "...die Erfahrung der Welt "so wie sie ist" und damit als Kosmos, als Eins und Ganzes ist allgemeinste Aussage des Haiku. In einem Atemzug gesprochen (es heisst, siebzehn Silben seien das Mass eines Atemzuges), spontan, direkt zielt das Haiku nach diesem Ganzen. Daher ist es oft verglichen worden mit einem Fechthieb, einem Bogenschuss, einem Zielwurf. Es ist Überdeutlich, dass Haiku sich nicht als "blosse Poesie" versteht, nicht als "reine Kunst", sondern als besondere Form der Welt- und Existenzerfahrung. Indem es im besonderen Augenblick die ganze Zeit, am besonderen Ort das Ueberall, in einem Ding das ganze Sein und in einem Ereignis, einer Situation das ganze Leben sucht, will es nicht weniger sein als eine "konkrete Formel" der Welt. In diesem Sinne ist Haiku Universalpoesie." Im Wahrnehmen der besonderen Naturstimmungen erwacht im Betrachter ein Sehnen, hineinschlüpfen zu können, Teilnehmer und Gestalter sein zu dürfen. Das ist möglich in einem künstlerischen Prozess, wo der darin Tätige durch anfängliche Beobachtung und Nacharbeitung der sichtbaren Welt sich immer mehr vom Bild löst und in die Gebiete vordringen kann, welche hinter der Sichtbarkeit liegen. An den Punkt dieser Erfahrung zu kommen ist ein Ziel der menschlichen Entwicklung. Aehnliche Erfahrungen können in allen Künsten gemacht werden. Eine weitere Verdeutlichung zu unserem Thema gibt der irische Pflanzenskulptor Patrick O'Hara. Er schafft in arbeitsintensiver Technik aus Porzellan wirklichkeitsgetreue Nachbildungen von natürlichen Pflanzengruppierungen mit dazugehörenden Tieren. In einem Interview (2) schildert er den Entstehungsmoment: "Ich mache pro Jahr etwa zwölf Designs, in denen ich versuche, die Feinheit der Natur und die Stärke der Beziehungen zwischen den Pflanzen und Insekten darzustellen, die in einer Umgebung wachsen und zusammenkommen. Um dies tun zu können, muss ich den Aufbau der Pflanzen kennenlernen und dann einen Weg finden, ihre Hauptstrukturen in Ton nachzubilden, wobei ich gleichzeitig die Möglichkeit haben sollte, die Position jedes Stammes oder Blattes zu kontrollieren. Während das Ganze also botanisch korrekt ist, wird jedes Teil komponiert und ein Gesamtkonzept geschaffen. (...) Der Prozess geschieht, wenn ich die Pflanze zum ersten Mal in der Natur sehe. Dann bekomme ich ein Gefühl, wie er vor sich gehen wird. Wenn ich Zuhause mit der Skulptur beginne und meine Zeichnungen, detaillierten Abmessungen, Fotos und Farbnotizen betrachte, ist es immer noch der erste Gedanke, der die Komposition leitet. Mit der Erfahrung über Jahre hinweg habe ich festgestellt, dass ich in meiner Vorstellung ein sehr lebendiges Bild des Charakters einer jeden Pflanze besitze. Dies ist, was ich immer festhalten will. Mit dem Design zeichne ich den Charakter der Spezies, die physische Genauigkeit kommt bei mir an zweiter Stelle, wie ein zweites Wesen. (...) Es hat nichts damit zu tun, wie ich die verschiedenen Pflanzen tatsächlich zusammen wachsen sehe, es handelt sich dabei eher um einen starken Effekt ihrer kombinierten Aura, der mich beeindruckt. Ich sehe ihn sehr schnell vor Ort. Was es ist, kann ich nicht genau sagen. Ich kann zwei Stunden damit verbringen, eine Pflanze mit jedem Detail ihrer Struktur zu zeichnen, und oft tauchen während diesem Prozess Insekten oder Schmetterlinge auf, die sich von der Pflanze nähren. All dies spielt eine Rolle, aber dieser erste Blick hat den stärksten Einfluss. Auf meinen Zeichnungen findet sich in einer Ecke oft eine kleine Skizze meines ersten Eindrucks der Komposition. Und sehr häufig entspricht die fertige Skulptur dieser Skizze." Die Art, wie das Wesentliche erfasst wird, das Unsichtbare sichtbar gemacht wird, bestimmt das Kunstwerk. Erst wenn der Betrachter dieses erleben kann, ist das Kunstwerk mehr als eine blosse Nachahmung der Natur. Einen künstlerischen Prozess vollzieht auch der Gärtner. Im gestalteten Garten versucht er sich an die schöpferischen Vorgänge der Welt heranzutasten. Ist er ein Künstler auf seinem Gebiet, kann es ihm gelingen, die Natur in seinem Werk zu erhöhen - die Nachahmung wäre sehr langweilig. In dem Mass, wie es ihm gelingt, an den schöpferischen Prozess anzuknüpfen, entsteht ein eigener seelischer Raum, ein in Zeit und Raum sich ausbreitendes Kunstwerk. Es umfasst den Betrachter und erhebt ihn über die Alltäglichkeit. Wer kennt nicht die besondere Stimmung oder Atmosphäre eines Gartens? Jenes tief erwärmende Gefühl, wie schön die Welt doch ist? Die Kraft, die daraus strömen kann, um mit neuen Impulsen im Alltag zu wirken? Gelingt das in bescheidener Weise schon jetzt, sind wir bereits aktive Teilnehmer an der menschheitlichen Aufgabe, den Stoff der Erde künstlerisch durchzugestalten und zu verwandeln. Mit einem solchen Verhältnis zur Natur begeht man neue Wege. Nicht nur die sichtbare, kausale Welt wird in die Arbeit einbezogen, sondern auch die Welt der Lebendigkeit und Seelenhaftigkeit. Wie bedeutungsvoll das für den Landwirt oder Gärtner sein kann, spricht Rudolf Steiner im ?Landwirtschaftlichen Kurs? (3) aus. Rudolf Steiner schildert die Grundstoffe des Eiweiss. Das sind Schwefel, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff, welche neben ihren stofflichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften auch noch ganz bestimmte Beziehungen zum Geistigen haben. Durch Meditation kann der Mensch zu diesem Bereich ein Verhältnis bekommen. "Es wird immer, wenn auch nur in ganz subtiler Weise, durch das Meditieren der regelmässige Gang des Atmens, dasjenige, was mit dem menschlichen Leben so eng zusammenhängt, etwas abgeändert. Wir behalten meditierend immer die Kohlensäure etwas mehr in uns als beim gewöhnlichen, wachen Bewusstseinsprozess. (...) Wir stossen nicht die ganze Wucht der Kohlensäure da hinaus, wo uns überall der Stickstoff umgibt. Wir behalten etwas zurück. Nun sehen Sie, wenn Sie an etwas mit dem Schädel anstossen wie an einen Tisch, so werden Sie sich nur ihres eigenen Schmerzes dabei bewusst, wenn Sie aber sanfter reiben, werden Sie sich der Oberfläche des Tisches bewusst und so weiter. So ist es auch, wenn Sie meditieren. Sie wachsen allmählich herein in ein Erleben des Stickstoffes um Sie herum. Das ist der reale Vorgang beim Meditieren. Alles wird Erkenntnis, auch dasjenige, was im Stickstoff lebt. Denn dieser ist ein sehr gescheiter Kerl, er unterrichtet einen über dasjenige, was Merkur, Venus und so weiter tun, weil er das weiss, es eben empfindet. (...) Denn sehen Sie, es ist nun nicht schlecht, wenn derjenige, der Landwirtschaft zu besorgen hat, meditieren kann. Er macht sich dadurch empfänglich für die Offenbarungen des Stickstoffs. Er wird immer empfänglicher für die Offenbarungen des Stickstoffs. Und man geht dazu über, die Landwirtschaft in einem ganz anderen Stil und Sinne zu betreiben, wenn man sich empfänglich gemacht hat für die Offenbarungen des Stickstoffs, als wenn man es nicht tut. Da weiss man allerlei plötzlich. Es taucht auf. Da weiss man allerlei von den Geheimnissen, die auf den Gütern und auf den Bauernhöfen walten." In diesem Beitrag sollte versucht werden, die Beziehung von Mensch und Pflanze nun nicht an einer Pflanze darzustellen, sondern eine ganz grundliegende Beziehung aufzuzeigen. Diese kann durch seelische Beobachtung nachvollzogen werden und ist in jeder Hinsicht entwickelbar. Peter Lange Literatur: 1) Haiku Japanische Gedichte dtv Klassik 2336 2) Novalis Zeitschrift für europäisches Denken. Tom Raines: Gespräch mit dem Pflanzenskulptor Patrick O'Hara S.44 3) Rudolf Steiner: Landwirtschaftlicher Kurs GA 327 3. Vortrag 11. Juni 1924 S. 76
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