Kasten: Rot
und Grün: symbolträchtiges Paar
Im Zauber einer stacheligen Schönheit
Rote Beeren, immergrüne Blätter und übernatürliche
Kräfte - die Stechpalme
Wer an einem Wintertag durch den kahlen Wald wandert, kann in
lichten Abschnitten, in Gebüschen, an Waldrändern und Hecken einen
auffälligen Strauch mit grünen, ledrigen Blättern und roten,
leuchtenden Beeren antreffen - die Stechpalme. Es ist eine ganz
spezielle Pflanze, die während Jahrtausenden verehrt wurde und heute
noch eine grosse Anziehungskraft besitzt.
Wie viele Adventsbräuche haben wir das Dekorieren von Häusern,
Türen und Tischen mit Stechpalmen aus dem angelsächsischen Raum
übernommen. In den USA, wo die Siedler an der Ostküste einst
zahlreiche heimische Stechpalmenarten vorfanden, gilt der Strauch
als Weihnachtssymbol schlechthin. Heute werden eigens
grosseStechpalmenplantagen angepflanzt, um die enorme Nachfrage der
Amerikaner vor Weihnachtenzu decken. Damit die Vögel nicht alle
roten Beeren fressen, werden die Kulturen im Herbst mit grossem
Aufwand mit Netzen überspannt. In Grossbritannien verschenkt man die
«holy»- Zweige als Freundschaftsgabe und dekoriert damit den
traditionellen Christmaspudding. Die Stechpalme galt wie die Mistel
und die Eiche bei den Germanen und Kelten als heilig, denn grosse
Gehölze mit immergrünem Laub waren in Mitteleuropa selten und wurden
bewundert und verehrt.
Schutz vor Räubern und bösen Geistern
Bereits bei den alten Römern soll die Stechpalme für Glück und
Gesundheit gesorgt haben. Doch schon lange bevor die Römer die
Britischen Inseln eroberten, sammelten die Kelten die Beeren
tragenden Zweige, um ihre Wohnstätten damit zu schmücken und darin
Geistern, Feen und guten Walddämonen in der Kälte ein Heim zu geben.
Sie schrieben der Pflanze besondere Kräfte zu und versprachen sich
von ihr Schutz gegen Blitze, bösen Zauber und Verwünschungen. Ob die
Wirkung sich in jedem Fall einstellte, ist nicht überliefert, sicher
dürfte die Stechpalme mit ihrem undurchdringlichen Blätterdickicht
aber manches Haus vor Räuberbanden bewahrt haben.
Die Stechpalme mit dem wohlklingenden botanischen Namen Ilex
Aquifolium wächst in Mittel-und Südeuropa, nördlich im Bereich des
atlantischen Klimas bis Irland und Norwegen, in Italien,den Alpen,
auf dem Balkan bis hin zum Schwarzen Meer. Die Stechpalme, die im
deutschsprachigen Raum vorwiegend in den Alpen gedeiht,hat im
Volksmund verschiedene Namen: Hülsebusch, Palmdistel, Stechlaub,
Schwabendorn, Palmdorn und Stacheleiche. Bei sehr hohen Stechpalmen
wachsen die harten, stacheligen Blätter nur im unteren Bereich; die
Blätter in der Krone haben oft glatte Ränder. Dank der Erklärung,
der Strauch müsse sich nur unten mit dornigen Blättern vor dem
Appetit der Weidetiere schützen, wurde die Stechpalme zu einem
Symbol der weisen Voraussicht. Bauern steckten Stechpalmenzweige in
Haus und Stall aus, um damit Mensch und Tier vor dem Bösen
abzuschirmen, dabei verbrannten sie die Zweige jedes Jahr und
ersetzten sie durch neue.
Auch gegen Wanzen ist die Stechpalme laut Lexikon des deutschen
Aberglaubens wirksam, wenn man mit getrockneten Zweigen, die zuvor
am Palmsonntag geweiht worden waren, am Heiligen Abend gegen die
Zimmerwände peitschte und dazu einen geheimen Spruch aufsagte. Die
Kirchenväter sträubten sich zunächst gegen diesen heidnischen
Aberglauben. Doch bald fanden auch sie Gefallen an der stacheligen
Schönheit, die sich mit ihrer Farbe und Form hervorragend als
christliches Symbol eignete. Die kräftig roten Beeren erinnerten an
die Bluttropfen Christi, die gezähnten Blätter an seine Dornenkrone,
und das satte Grün war ein Sinnbild für die Hoffnung auf neues
Leben. Die Akzeptanz der Kirche ging schliesslich so weit, dass der
Ilex in die christliche Liturgie einbezogen wurde. Mancherorts
stammt sogar die Asche, mit der den Gläubigen am Aschermittwoch von
den Priestern die Kreuze auf die Stirn gezeichnet werden, vom Holz
verbrannter Stechpalmen.
Dornige Palmzweige
Obwohl die Stechpalme weder äusserlich noch botanisch etwas mit
einer Palme zu tun hat, wurde sie früher zum Palmsonntag in der
Kirche geweiht und zu Kränzen gebunden. Dieser Brauch hat folgenden
Grund: Die Palmzweige, mit denen der Weg des Heilands bei seinem
Einzug in Jerusalem bestreut wurde, bekamen beim Ausruf «Kreuziget»
plötzlich Dornen, und sie wurden zur Stechpalme. Nach christlicher
Tradition werden an Ostern die Stechpalmenzweige verbrannt, um
Freude darüber auszudrücken, dass Christus jetzt alle Leiden
überstanden hat. Wie andere immergrüne Sträucher gilt auch der Ilex
als Vorläufer des Weihnachtsbaumes, der sich in Europa erst Anfang
des 19. Jahrhunderts etablierte. Bereits aus dem Jahr 1535 ist
überliefert,dass man in Strassburg kleine Eiben, Stechpalmen und
Buchsbäumchen kaufen konnte, dienoch ohne Kerzen in der Stube
aufgehängt wurden. In Deutschland soll die Stechpalme der Sage nach
auf Steinkohlevorkommen von besonderer Güte hinweisen. Wer daran
glaubt, soll sich mit dem Aufhängen eines Stechpalmenzweiges zudem
vor Vampiren schützen können. Mystik rankt sich auch in anderen
Teilen der Erde um die Stechpalme. In Indien befinden sich gemäss
der Legende zwölf Palmblattbibliotheken, wo das Schicksal mehrerer
Millionen Menschen auf Blättern der Stechpalme in Sanskrit oder
Alt-Tamil niedergeschrieben sein soll - ein Blatt für jedes Leben.
Beim japanischen Neujahrsfest haben die stacheligen Ilex-Zweige den
Zweck, böse Geister von Haus und Hof zu vertreiben.
Doch die Stechpalme hat auch ganz handfeste Vorzüge. Ihr weisses,
hartes Holz mit der fast unsichtbaren Maserung, das Kunstschreiner
früherfür Einlegearbeiten verwendeten, ist ausserordentlich lange
haltbar und wird kaum von Holzschädlingen befallen. In der
Lüneburger Heide entdeckte man beim Abriss dreihundert Jahre alter
Häuser ganze Dachstühle aus Stechpalmenholz, die in sehr gutem
Zustand waren. Freistehende Sträucher können bis zu fünfzehn Meter
gross und dreihundert Jahre alt werden. Die Lebenskraft, die in
wintergrünen Gewächsen steckt, wurde oft auch als Heilkraft
gedeutet. Alte Kräuterbücher verraten, dass ein Absud der Blätter
oder die in Zucker eingemachten Beeren der Stechpalme gegen
Seitenstechen helfen sollen oder ein Tee aus den Blättern gegen
Gelbsucht, Gicht, Nierensteine und Durchfall wirke, wobei man nur
die ganzrandigen, ungezähnten Blätter mitkochen darf. Dieselbe
Wirkung sollen die Beeren haben, wenn man sie an einem Faden
aufgereiht am Hals trägt.
Wie vielfältig die Stechpalme einsetzbar ist, zeigen ihre
Anwendungen in der Bachblütentherapie, die ihr die Fähigkeit
zuspricht, das Herz für die höheren Schwingungen der Liebe zu
öffnen. Ein Verwandter des Ilex, von dem es weltweit über 300
verschiedene Arten gibt, ist der südamerikanische Maté-Strauch,
dessen Blätter einen Teeergeben. Der Maté-Tee wirkt anregend,
erfrischend und abführend, er verspricht Linderung bei Rheuma und
ist heute noch das Hauptgetränk Südamerikas. Die Nachkommen der
Ureinwohner in Paraguay bringen dem Baum, der ihnenden Maté-Tee
liefert, eine hohe Verehrung entgegen. Allfällige
Hobbykräutermediziner seien aber vor Nachahmung gewarnt: Die
ledrigen Blätter und leuchtend roten Beeren der hiesigen
Stechpalmenarten sind für Menschen giftig und können zu Brechreiz
und starkem Durchfall, bei Kindern in grossen Mengen sogar zum Tod
führen.
Farbe im winterlichen Garten
So beliebt, wie die Pflanze ist, wundert es nicht, dass die
Stechpalme in unseren Wäldern nicht mehr häufig anzutreffen ist. Ihr
natürliches Vorkommen ist in vielen Gegenden zurückgegangen,und sie
steht unter Naturschutz. Weil die Stechpalme in der grauen
Winterzeit Farbe in den Garten bringt, wenn alle anderen Bäume ihre
Blätter längst abgeworfen haben, hat sie in vielen Gärten und auf
Balkonen als winterharte und pflegeleichte Zierpflanze einen
besonderen Platz. Sie liebt Sonne und Halbschatten und gedeiht am
besten auf nicht zu sandigem Boden. Wer eine Stechpalme erstehen
will, muss sich zwischen verschiedenen Wuchs- und Blattformen
entscheiden.Es gibt Sorten mit gedrehten Zweigen, mit weissen,
schwarzen, gelben oder orangefarbenen Beeren, mit gekräuselten,
weissrandigen, silbrigen,goldgelben, dornigen oder glatten Blättern.
Damit man sich im Winter tatsächlich an den roten Beeren erfreuen
kann, sollte man darauf achten, eine zweihäusige Pflanze zu kaufen,
auf der sich männliche und weibliche Blüten befinden. Eine andere
Möglichkeit ist, eine männliche und eine weibliche Pflanze
nebeneinander zu pflanzen. Aber auch wenn im Herbst aus den kleinen
becherförmigen Blüten Beeren geworden sind, ist es noch nicht
sicher, dass sie bis Weihnachten am Strauch bleiben, denn
Stechpalmenbeeren sind, wie eingangs erwähnt, für Vögel eine
Delikatesse.
Susanne Wagner